Sergio Ramirez: Der Himmel weint um mich

ramirez_himmelIn der sandinistischen Regierung war Sergio Ramirez sechs Jahre lang, von 1984 bis 1990, Vizepräsident von Nicaragua. In dieser Zeit schrieb er mit „Strafe Gottes“ seinen ersten Kriminalroman, der 2012 in der Schweizer Edition 8 erschien. Nun hat der Verlag mit „Der Himmel weint um mich“ auch Ramirez zweiten Ausflug ins Genre veröffentlicht. Während sich Ramirez, der neben etlichen Romanen und Erzählungen auch Essays und politische Schriften veröffentlichte und 2014 mit dem hochdotierten, mexikanischen Premio Carlos Fuentes ausgezeichnet wurde, in „Strafe Gottes“ einem historischen Kriminalfall aus dem Nicaragua der 1930er und dem Beginn der Somoza-Diktatur widmete, erzählt er in seinem aktuellen Kriminalroman vom modernen Nicaragua.

Inspektor Dolores Morales ist, wie viele seiner Kolleg/innen ein ehemaliger Guerillero, der nach dem Sturz des Diktators Somoza 1979 zur Polizei ging, die damals noch sandinistische Polizei hieß. Inzwischen arbeitet er bei der Abteilung für Drogenkriminalität – ein Job, in dem es in einem auf der Drogentransitstrecke liegenden Land eine Menge zu tun gibt. An seine kämpferische Vergangenheit erinnert Morales Tag für Tag seine Beinprothese aus rosa Vinyl, an der er seine Pistole festschnallt. An der Atlantikküste wird eine verlassene Yacht gefunden. Alles deutet auf Drogenkuriere hin, eine nahe liegende Vermutung, die sich allerdings lange nicht nachweisen lässt. Als in der Nähe der Yacht die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, ziehen die Ermittlungen von Morales und seinem Kollegen Lord Dixon immer weitere Kreise. Eine dubiose, panamesische Fischereigesellschaft ist in den Fall verwickelt, ein windiger Anwalt, die DEA hat ihre Finger im Spiel und allmählich wird klar, dass der Drogenhandel in einem maroden Staat mit gallopierender Korruption bereits tief in die Gesellschaft eingesickert ist.

Sergio Ramirez erzählt das alles in sacht ironischem Ton. So ganz ernst nimmt er die Form dabei nicht. Da hilft dann schon mal die ehemalige Guerillera Dona Sofia, die im Polizeipräsidium als Putzfrau arbeitet, bei den Ermittlungen, indem sie sich undercover bei Verdächtigen einschleust, um Informationen zu sammeln. Der Fortgang der Ermittlungen schleppt sich etwas dahin, freilich auch, weil die Polizei nur wenig Handhabe hat. Überhaupt sind Ramirez zugespitzte Schilderungen des nicaraguanischen Alltags hoch interessant. „Größere Hungerleider als uns gibt’s doch gar nicht“, sagt da Lord Dixon. „Wenn wir einen Räuber verfolgen wollen, muss der Ausgeraubte das Benzin bezahlen“. Die Polizei residiert in einem ehemaligen Versicherungsgebäude, dessen Klimaanlage schon lange nicht mehr funktioniert. Vieles ist provisorisch, das fordert stetige Improvisation. So lässt sich Morales auch gerne mal von den Polizeitechnikern ein Dokument fälschen, um einen Verdächtigen zu täuschen.

Alles in allem ist „Der Himmel weint um mich“ ein etwas behäbiger Kriminalroman mit einer überschaubaren Geschichte, die allerdings gut geschrieben ist und in der Ramirez einen sehr genauen, so kritischen, wie humorvollen Blick auf die Gesellschaft und die Lebensumstände des heutigen Nicaragua wirft.

Sergio Ramirez: Der Himmel weint um mich. (Original: El Cielo llora por mi.) Aus dem Spanischen von Lutz Kliche. Roman. Zürich, Edition 8, 23,80 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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