Merle Kröger: Havarie

1224_Kroeger_Havarie_300dpiIm Mittelmeer, zwischen Algerien und Spanien, trifft das Kreuzfahrtschiff „Spirit of Europe“ auf ein havariertes Schlauchboot mit zwölf algerischen Flüchtlingen an Bord. Ihnen ist auf dem Weg nach Europa das Benzin ausgegangen, weil sie sich im Nebel verirrten. Nun dümpeln sie – eine bizarre Situation – auf hoher See neben einem mehrstöckigen Luxusliner. Dessen Kapitän will sie partout nicht an Bord nehmen, muss laut Seerecht aber in der Nähe bleiben, bis die Küstenwache oder die Seenotrettung eingetroffen ist. Für den Algerier Karime Yacine, der das Schlauchboot steuert, ist beides eine Katastrophe. Die Küstenwache wird die Flüchtlinge zurück nach Algerien schicken. Mit der Seenotrettung kommen sie zwar nach Spanien, landen aber im Abschiebeknast. Karime weiß, wie es läuft. Schon fünf Mal hat er als Skipper Flüchtlinge übers Meer gebracht. Dies sollte seine letzte Uberfahrt sein. „Algerien“, sagt er, „ist Stillstand, ist Tod“. Seine Freundin ist bereits in Frankreich. Sie wollte er dort treffen.

Die 1967 in Plön geborene Autorin und Filmemacherin Merle Kröger, die 2013 mit ihrem Roman „Grenzfall“ den Deutschen Krimipreis gewann, erzählt diese Geschichte aus mehreren Perspektiven. Karime Yacine, der Algerier auf dem havarierten Schlauchboot, ist einer von elf Protagonisten. Sechs weitere Figuren sind auf dem Kreuzfahrtschiff, darunter Passagiere und Crewmitglieder. Für letztere ist das manövrierunfähige Schlauchboot ein lästiges Hindernis, für viele Passagiere dagegen eine riesen Attraktion. Sie drängeln sich an der Reling, um Fotos zu machen von diesem kleinen Nachen unterhalb ihres schwimmenden Hochhauses, von diesem sonst allenfalls medial vermittelten Stück Realität.

Unter den filmenden Passagieren ist auch der Ire Seamus Clarke, der ahnt, dass die Geschichte schlecht ausgehen könnte und sich deshalb im Pub erstmal ein Guinness genehmigt. Dann ist da die Nepalesin Lalita Masarangi, die als Security arbeitet. Sie war in der Nacht zuvor mit einem philippinischen Musiker zusammen, der spurlos verschwand. Zwischen den hektischen Einsätzen an Bord sucht sie vergeblich nach ihm. Da ist der syrische Arzt Marwan Fakhouri, der mit falschen Papieren angeheuert wurde und zusammen mit chinesischen Arbeitskräften im Untergeschoss des Schiffes schuftet. Als er schwer erkrankt, wird er auf perfide Weise von Bord bugsiert. Und es gibt weitere Figuren: Etwa den ukrainische Ingenieur eines irischen Frachters, der bei Nebel den Kurs der „Spirit of Europe“ kreuzt und später an einem auf dem Meer treibenden Toten vorbeifährt – ihn aufzunehmen würde Zeit kosten und Ärger mit der Reederei bedeuten. Und auch vom spanischen Fischerssohn Diego Martinez erzählt Kröger. Martinez arbeitet bei der Seenotrettung und fährt schließlich bei rauer See hinaus, um nach den Flüchtlingen zu suchen.

Behände springt Merle Kröger zwischen ihren Figuren hin und her, flicht deren sich für kurze Zeit kreuzende Geschichten kunstvoll zu einem funkelnden und dazu hochspannenden Ganzen. Die Kapitel sind kurz, das Erzähltempo ist hoch – denn die Zeit drängt. Ein Sturm kommt auf. Die „Spirit of Europe“ muss weiter nach Mallorca und für die Flüchtlinge stellt sich die Frage, ob sie überhaupt irgendwo ankommen.

Merle Kröger erzählt kenntnis- und detailreich – das Ergebnis ausgiebiger Recherchen. Denn die Begegnung zwischen einem Kreuzfahrtschiff und einem Schlauchboot gab es tatsächlich. Kröger hat darüber zusammen mit Philip Scheffner einen Dokumentarfilm gedreht, der 2016 in die Kinos kommen soll. Aus dem Material hat sie außerdem den Roman „Havarie“ gemacht, in dem die Figuren und der Plot zwar fiktiv, aber so lebensnah gezeichnet sind, dass sie durchaus real sein könnten. Vielstimmig und multiperspektivisch erzählt Merle Kröger hier abseits stereotyper Pfade vom krassen Gegensatz unterschiedlichster Lebenswelten – und die zeigen sich weniger zwischen jenen im Schlauchboot und den Passagieren des Luxusliners, sondern viel deutlicher noch auf den verschiedenen Stockwerken des Kreuzfahrtschiffes selbst. „Havarie“ ist angesichts der Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer ein hoch aktueller, engagierter und politischer Thriller, kein Betroffenheitskitsch, sondern hellwache, wunderbar vital und pointiert geschriebene Literatur.

Merle Kröger: Havarie. Argument-Verlag, 256 Seiten, 15 Euro.

(c) Frank Rumpel

Der Beitrag wurde auf SWR 2 gesendet

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