Davide Longo: Der Fall Bramard

U1_978-3-498-03938-7.inddCorso Bramard war zwölf Jahre lang bei der Polizei und brachte diese Zeit vor allem mit der vergeblichen Jagd auf einen Frauenmörder zu. Als seine eigene Frau ermordet wurde und seine Tochter spurlos verschwand, hängte er den Job an den Nagel und wurde Lehrer. Jetzt lebt er in einem kleinen Dorf im Piemont und steigt in seiner Freizeit am liebsten allein auf die umliegenden Berge. Auch seinen Espresso trinkt er gerne allein und wenn er mal nicht für sich ist, bekommt er die Zähne kaum auseinander.

Der Fall holte ihn im Lauf der vergangenen 20 Jahre immer wieder ein, weil ihm der Mörder, dem Longo in einem zweiten Erzählstrang folgt, von Zeit zu Zeit Briefe kryptischen Inhalts schickte. Die brachte Bramard zu seinem ehemaligen Kollegen, doch Spuren fanden sich nie. Das ist diesmal anders. Neben einem Zitat aus Leonard Cohens Song „Story of Isaac“ findet sich in dem Umschlag auch ein Haar. Das ordnen die Gerichtsmediziner dem ersten Opfer des Psychopathen zu. Die Frau entkam zwar lebend, ist seither aber in der Psychiatrie. Bramard folgt der Spur zusammen mit einer jungen Polizistin, die etwas zu sehr an Stieg Larssons Hackerin Lisbeth Salander erinnert (auch wenn Longo sie einmal sagen lässt: „Ich bin nicht Lizbeth Salander“) und kommt dem Mörder, der seinen Opfern Kamelienblüten in den Rücken ritzte, allmählich näher.

Das ist nun alles nicht besonders originell und die Erzählung über einen kontrolliert vorgehenden Psychopathen, der da in der Verbindung von Tod und Ästhetik das große Glück sucht, so abgegriffen und einfallslos, wie gestelzt. Umso erstaunlicher ist es, dass die wenig überraschende Auflösung längst nicht so verdrießlich wirkt, wie sie es eigentlich müsste. Denn dafür ist der Ausflug des viel gerühmten italienischen Autors von „Der Steingänger“ und „Der aufrechte Mann“ ins Krimifach dann doch zu gut geschrieben.

Alle drei Romane des Autors spielen in der Bergwelt des nördlichen Piemont. Longo, der an einem Literaturinstitut in Turin unterrichtet, hat einen Blick und ein Gespür für die Besonderheiten dieser rauen Landschaft und seiner Bewohner, die da gerade in den Dörfern, in denen oft nur noch die Älteren wohnen, mit einer gewissen Hartnäckigkeit ihren Alltag meistern. Sein von Melancholie, von Schuld und Wut überwucherter Protagonist, der da in sich gefangen ist, passt wunderbar in dieses Setting. Und erzählt ist das alles mit großer Ruhe und Präzision, wenngleich die Geschichte gespickt ist mit Andeutungen, literarischen Verweisen und Longos großartigen Bildern. Da liegt etwa gleich zu Beginn ein aufgeschlagenes Buch neben dem Protagonisten im Zelt, „die Seiten nach unten gekehrt und ungleich verteilt wie die Flügel eines Vogels, dem es bestimmt ist, im Kreis zu fliegen.“ Davide Longos literarischem Können und seiner feingliedrigen Art des Erzählens wegen funktioniert diese Geschichte in weiten Teilen richtig gut – und hätte gerade deshalb einen gewiefteren Plot verdient gehabt.

Davide Longo: Der Fall Bramard. (Original: Il Caso Bramard. Mailand, 2014) Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Roman. Reinbek, Rowohlt-Verlag, 318 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

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