Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini: Suburra. Schwarzes Herz von Rom

978-3-85256-660-3_cmykIn der Kriminalliteratur wird es ja immer dann besonders interessant, wenn sich Fiktion und Realität so gut ergänzen, dass die Ränder zu verschwimmen drohen. Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini, Richter in Rom der eine, Investigativjournalist der andere, haben mit „Suburra“ – benannt nach dem antiken römischen Stadtviertel der Bordelle und der Halbwelt – einen solchen Roman geschrieben. Im Original erschien dieser brillante Kriminalroman 2013. Darin erzählen die Autoren von einer eigenständigen, bestens mit der Politik und den Behörden vernetzten, römischen Mafia. Geführt wird sie von einem Mann, den alle nur Samurai nennen. Er ist ein Neofaschist und ehemaliges Mitglied der Maglianibande, die Rom in den 1970er Jahren aufmischte und der Giancarlo de Cataldo bereits sein Opus Magnum „Romanzo Criminale“ widmete. Der fiktive Samurai erinnert nicht zufällig an den im Dezember 2014 verhafteten Boss einer bis dahin unbekannten, originären Hauptstadtmafia.

In der Ewigen Stadt ist Großes in Gange. In Ostia, einem Stadtteil von Rom, soll eine Waterfront mit Yachthafen, Einkaufszentren und Restaurants für die Betuchten entstehen, dazu im Süden Roms eine riesige Siedlung mit Sozialwohnungen – eine Betonwüste, an der sich viele eine goldene Nase verdienen wollen. Beide Bauprojekte gibt es übrigens tatsächlich. Der Roman nun spielt in der zweiten Hälfte des Jahres 2011, mitten in der Wirtschaftskrise und kurz bevor sich mit der Abwahl Silvio Berlusconis die politischen Verhältnisse ändern. Die Zeit drängt, denn vorher soll unbedingt diese Bauvorhaben durchs Stadtparlament. Darauf setzt eine Allianz aus kriminellen Banden, korrupten Politikern, Behördenvertretern und kirchlichen Würdenträgern. Die Banden haben deshalb untereinander ein Stillhalteabkommen verhandelt. Das aber gerät ins Wanken, als einer der Unterbosse als Gefälligkeit für einen Politiker einen kleinen Gangster zum Schweigen bringt. Das zieht weitere Gewalt nach sich und die droht das fragile Gleichgewicht zwischen den Kriminellen zu stören.

Genau darauf wird der Polizist Marco Malatesta von der Anti-Mafia-Abteilung aufmerksam, und er kommt den kriminellen Plänen zusammen mit einem Staatsanwalt nach und nach auf die Spur. Malatesta gehörte als Jugendlicher einst zum Kreis jener, die sich um den charismatischen Gangster Samurai geschart hatten, bis es zum Zerwürfnis kam und Malatesta die Seiten wechselte.

Das freilich sind nur die Haupterzählrouten in diesem breit gefächerten Panorama. Es gibtGiancarlo_De_Cataldo__c__Privat-2 weitaus mehr Verbindungen, mehr Geschichten, noch mehr Figuren. Dass man den Überblick nicht verliert, ist einerseits einem Figurenverzeichnis, zum anderen aber der Virtuosität geschuldet, mit der die beiden Autoren von einer Figur und einer Perspektive zur nächsten und wieder zurück springen. Kapitelweise ist man da unterwegs mit verschiedenen Gangstern, einer Prostituierten, die auszusteigen versucht, einem korrupten Politiker, einem faschistischen Radiomoderator, einer linken Politaktivistin oder dem Polizisten Malatesta.

Es ist ein Erzählkaleidoskop, in dem ganz allmählich klar wird, wie alles miteinander verbunden ist, wie die Abhängigkeiten der Figuren untereinander beschaffen sind, wer da wie erpressbar ist. Für Kokain und Prostituierte sind viele empfänglich, Geld besorgt den Rest. Und so erzählen de Cataldo und Bonini ganz kühl von allgegenwärtiger Scheinheiligkeit, von Zynismus, Gier und der Faszination der Macht. Sie gehen nah ran an ihre mit reichlich Schattierungen gezeichneten Figuren, schildern deren Sicht der Welt. Es ist ein wuchtiger Politthriller, den die beiden da vorgelegt haben, ein echtes Schwergewicht, politische Kriminalliteratur vom Feinsten. Sie dachten ja, in ihrem Roman mit Blick auf die Verflechtung von Politik und organisisiertem Verbrechen reichlich übertrieben zu haben, sagte de Cataldo in einem Interview. Die Realität habe sich nun aber als noch schlimmer erwiesen. Er arbeitet bereits an einer Fortsetzung zu „Suburra“.

Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini: Suburra – Schwarzes Herz von Rom. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio-Verlag, 415 Seiten, 22,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

(c) Autorenfoto: Folio-Verlag

Der Beitrag wurde auf SWR 2 gesendet

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.