Alan Carter: Prime Cut

pbErst mal einer toten Kuh den Kopf aufsägen – so beginnt der erste Einsatz von Philip „Cato“ Kwong beim westaustralischen Viehdezernat, das zuständig ist, wenn etwa Rinder oder Schafe gestohlen werden oder, wie in diesem Fall, erschossen am Straßenrand liegen. „Das war einer der großen Unterschiede zwischen dem Morddezernat und dem Viehdezernat, sinnierte Cato, man brauchte nicht auf die Obduktion zu warten, sondern nahm sie einfach gleich selbst vor.“ Die Szene gibt einen guten Eindruck davon, mit welch trockenem Humor der australische Autor Alan Carter ans Werk geht.

Für Catos weitere Karriere freilich ist dieses Polizeidezernat eine Sackgasse. Dabei war der chinesischstämmige Detective in der westaustralischen Polizei bilderbuchmäßig gestartet, hatte eine glänzende Karriere vor sich, war der Posterboy, mit dem die Behörde gern ihre Aufgeschlossenheit demonstrierte und um Nachwuchs warb. Dann tauchten Zweifel an seiner Integrität auf. Ihm wurden Manipulationen in einer Mordermittlung nachgewiesen. Sein Chef, der die raschen Ergebnisse seinerzeit nur allzu gern akzeptierte, hatte ihn fallen lassen.
Doch als im nahen Hopetoun, einem Nest an der Südküste Westaustraliens, das einer Nickelmine wegen boomt, der Torso eines Mannes an Land gespült wird, muss Cato zusammen mit seinem Kollegen zur Verstärkung dorthin. Er beißt sich in den Fall, weil er seine Chance wittert, vielleicht wieder beim Morddezernat Fuß zu fassen. Doch die Ermittlungen gestalten sich zäh. Selbst, als sich herausstellt, dass das Opfer ein chinesischer Minenarbeiter gewesen sein könnte, fehlt es an Motiven und einem möglichen Täter.

Parallel dazu erzählt der 1959 im englischen Sunderland geborene und seit 1991 in Author Alan Carter, 21NOV10. PHOTO MEGAN LEWISAustralien lebende Alan Carter von einem Verbrechen, das sich in den 1970er Jahren in England zutrug. Ein Psychopath löschte seine Familie aus. Später wiederholte sich das Tatmuster in Australien. Beide Fälle blieben ungeklärt. Der Kriminalbeamte, der seinerzeit in Großbritannien die Ermittlungen leitete, quittierte den Dienst, wanderte nach Australien aus. Der Fall von damals ließ ihn nie los. Als es plötzlich Hinweise gibt, der Mörder könnte in Westaustralien sein, macht er sich auf den Weg.
Das sind die beiden Erzählstränge in Alan Carters Roman, in die er allerdings noch weitere Geschichten eingeflochten hat. So erzählt er etwa von den miesen Lebens- und Arbeitsbedingungen der chinesischen Minenarbeiter, die sie erdulden, um ein paar Dollar mehr zu verdienen. Er erzählt von Leuten, die in dem rasch wachsenden Städtchen die Chance aufs schnelle Geld wittern, von Korruption bei der Polizei, von mafiösen Strukturen im Umgang mit ausländischen Arbeitskräften, vom mal latenten, mal ganz offenen, alltäglichen Rassismus, mit dem auch Cato selbst immer wieder konfrontiert wird.

Es sind aktuelle Themen, die Carter, der sein Geld mit Dokumentarfilmen fürs Fernsehen verdient, da mit präzisem Blick und einem sicheren Gespür fürs richtige Maß einfängt. Die eine oder andere Figur ist ihm etwas hölzern geraten, aber das fällt bei dieser wendungsreichen und vielstimmigen Geschichte nicht weiter ins Gewicht. Mit „Prime Cut“ ist Alan Carter ein richtig gutes Debüt gelungen, engagiert und gesellschaftskritisch, mit einem verschlungenen Plot und einem vielversprechenden Protagonisten. Im Original liegen bereits zwei weitere Cato-Romane vor. Da darf man gespannt sein.

Alan Carter: Prime Cut (Prime Cut, 2011). Roman. Deutsch von Sabine Schulte. Hamburg: Nautilus-Verlag. 368 Seiten. 19,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

(c) des Autorenfotos : Megan Lewis

Erschienen bei Culturmag

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