James Lee Burke: Sturm über New Orleans

97838653245041-122x183Ende August 2005 verwüstete der Hurrikan Katrina große Teile der US-Golfküste. Besonders betroffen war New Orleans und dort vor allem die von der schwarzen Bevölkerung bewohnten Viertel. Über 1800 Menschen kamen bei der bis heute größten Naturkatastrophe der USA ums Leben, viele wurden obdachlos, der Sachschaden betrug über 100 Milliarden Dollar. Dabei sei der Hurrikan und seine Folgen längst nicht nur eine Naturkatastrophe gewesen, schreibt der heute 79-jährige US-amerikanische Autor James Lee Burke im Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe seines ziegelsteindicken Romans „Sturm über New Orleans“. Viel mehr noch markiere es das größte Versagen einer Regierung, den denkbar größten Verrat an der eigenen Bevölkerung. Deutliche Worte von einem, der auch noch Jahre nach der Katastrophe keinen Hehl aus seiner Wut auf die Bush-Administration macht, die seinerzeit viel zu spät und dann halbherzig reagierte.

Kurz bevor der gewaltige Hurrikan Katrina die Golfküste trifft, setzt James Lee Burke mit seiner wuchtigen Erzählung ein. Viele versuchen aus New Orleans zu fliehen, Leute aus den Sozialsiedlungen stehen Schlange, um in Notunterkünfte zu kommen. Als der Hurrikan auf die Küste trifft, zerstört er die maroden Deiche vor der Stadt, die Flutwellen setzen große Teile New Orleans metertief unter Wasser. Es herrscht Chaos. Leichen treiben durch die Straßen, Überlebende versuchen sich in Sicherheit zu bringen. Plünderer ziehen durch die Stadt, Heckenschützen bedrohen die Hilfskräfte, es formieren sich weiße Bürgerwehren, Rassismus bricht sich offen Bahn, Gefängnisse und Krankenhäuser sind überflutet, es ist heiß, es gibt weder Strom, noch Trinkwasser, die Behörden sind heillos überfordert. Und in diese seinerzeit ja ganz realen apokalyptischen Szenen hinein spinnt Burke nun sehr elegant ein paar Erzählfäden, die ihm erlauben, die Situation facettenreich einzufangen.

Protagonist und Ich-Erzähler ist Burkes eigenwilliger Cop Dave Robicheaux, dem Burke in den vergangenen fast 30 Jahren 20 Romane widmete. Robicheaux ist trockener Alkoholiker, der schon einiges mitgemacht hat, lange Zeit zu Gewaltausbrüchen neigte und mit einer ehemaligen Nonne verheiratet ist. Er ist Vietnamveteran und nicht zufällig wird er in dieser Geschichte immer wieder an seine schlimmsten Alpträume aus jener Zeit erinnert.

Robicheaux versucht, die Vergewaltigung eines Mädchens aufzuklären. Außerdem ermittelt er im Fall zweier schwarzer Plünderer, die in einer reichen Gegend erschossen wurden. In Verdacht hat er einen weißen Hausbesitzer. Nebenher versucht Robicheaux mit Hilfe seines zupackenden Freundes Pete Purcel, einen in der Sturmnacht verschwundenen, heroinabhängigen Priesterfreund zu finden und einen einflussreichen Gangster in Schach zu halten, der von Plünderern um Diamanten erleichtert wurde – die er für noch einflussreichere Gangster verwahrte. Die Fälle, das wird bald klar, sind eng miteinander verwoben.

Burke ist ein unglaublich präziser Erzähler, ausgestattet mit einem feinen Sensorium für das Zwischenmenschliche. Und mit diesem offenen Blick schildert er auch die Szenen aus der überfluteten und von der Regierung im Stich gelassenen Stadt. Es sind drastische, eindrückliche Bilder, die zeigen, wie dünn und brüchig die zivilisatorische Oberfläche unserer Gesellschaft doch ist. Burke erzählt mit einer Ruhe, die einen nervös machen kann, beherrscht die Kunst der feinen Figurenzeichnung und weiß, wie man dichte Atmosphäre erzeugt. Läppische Geschichten interessieren ihn nicht. Sein Thema sind immer wieder menschliche Dramen, eingebettet in die Landschaft und das Leben im Süden der USA.

Zehn Jahre lang war James Lee Burke vom deutschen Buchmarkt verschwunden, wenngleich er keineswegs aufgehört hatte zu schreiben. Seine Bücher wurden nur nicht mehr übersetzt. Das änderte sich im vergangenen Herbst, als bei Heyne sein großartiger Roman „Regengötter“ erschien. Nun legt der kleine Pendragon-Verlag mit dem im Original 2007 erschienen „Sturm über New Orleans“ nach. Weitere Romane um den Cop Dave Robicheaux sollen bei Pendragon folgen. Das sind ausgesprochen gute Nachrichten.

James Lee Burke: Sturm über New Orleans. Aus dem amerikanischen Englisch von Georg Schmidt. 576 Seiten, 17,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

Eine Variante dieses Textes wurde auf  SWR 2 gesendet

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