Mike Nicol: Bad Cop

16274845Nicol_Cops_Bro_3.inddRecht blutig beginnt Mike Nicols neuer Roman „Bad Cop“, als ein paar Killer eine Frau ermorden. Die Männer gehören zu einer Todesschwadron, zu Apartheidszeiten eine Sondereinheit des südafrikanischen Geheimdienstes. Die Gruppe ist zwar fiktiv, doch hat sich Mike Nicol bei der Schilderung ihrer Taten an einigen realen Ereignissen orientiert. In locker über das Buch verteilten Kapiteln taucht diese Todesschwadron immer wieder auf. 1977 ist ihr erster Einsatz gegen missliebige Regierungsgegner, 1989 der letzte. Dann tauchen die Mitglieder der Gruppe im bürgerlichen Leben unter. Und plötzlich wieder auf, als sich mit den ersten freien Wahlen 1994 das Blatt wendet und die Killer von damals einzeln aus dem Weg geräumt werden.

Derweil erzählt Mike Nicol in weiteren Erzählsträngen, die über einzelne Figuren miteinander verknüpft sind, vom Südafrika der Gegenwart. Einer der Protagonisten ist Bartholomeu Pescado, den alle nur Fish nennen. Er lebt in Kapstadt, ist Privatdetektiv und leidenschaftlicher Surfer, (erinnert damit entfernt an Don Winslows surfenden Detektiv, aber surfen lässt es sich eben nicht nur in Kalifornien, sondern auch am Kap.) Fish Pescado bekommt die Aufträge von seiner Freundin Vicki Kahn zugeschanzt, ehemalige Pokerqueen und Anwältin in einer großen Kanzlei.

Diesmal soll er jenen Fahrer eines illegalen Autorennens ausfindig machen, der einen jungen Zuschauer schwer verletzte und sich dann aus dem Staub machte. Die Ermittlung wird rasch kompliziert, als sich herausstellt, dass es sich bei dem Fahrer um den Sohn des ehemaligen Polizeichefs Jacob Mkezi handelt. Der ist eine bekannte Persönlichkeit, auch wenn er wegen Korruption aus dem Dienst entlassen wurde. Mkezi hat ein Auge auf Fish Pescados Freundin Vicki Kahn geworfen. Er bittet einen Geschäftspartner, das Problem mit dem beim Autorennen verletzten Jungen aus der Welt zu schaffen, denn seine Aufmerksamkeit wird von einem Riesengeschäft in Anspruch genommen. Jemand hat im Grenzgebiet zu Angola eine Höhle mit Rhinozeroshörner im Wert von 200 Millionen Dollar gefunden. Mkezi, der Mann mit den guten Verbindungen, soll das Horn versilbern.

DSC_0150Das ist grob die Gemengelage in Mike Nicols Roman, die er noch durch etliche weitere Geschichten aufpolstert. Elegant springt er von einem zum nächsten Erzählstrang, macht aus diesem Stoff eine komplexe Geschichte. Wie schon in seinen drei vorangegangenen Romanen der so genannten Rache-Trilogie, sind auch die Figuren in Nicols neuem Roman alles andere als eindeutig. Allesamt legen sie eine recht pragmatische, moralische Flexibilität an den Tag. Das reicht vom völlig moralfreien, ehemaligen Polizeichef bis zu einem Geheimdienstler, der seine Finger in vielen schmutzigen Geschäften hat und bereits in Nicols Rache-Trilogie eine wichtige Rolle spielte. Aber auch sonst arbeitet Nicol keineswegs mit eindeutigen Gut-Böse-Vorzeichen. Derjenige, der da Mkezi wegen der Rhinozeroshörner kontaktiert, ist im Brotberuf Tierarzt, hat aber kein Problem damit, die wohl im Angolakrieg gewilderten Hörner auf den Markt zu bringen. Denn vom Erlös will er ein Buschkrankenhaus bauen.

Mike Nicol wurde 1951 geboren, arbeitet bis heute als Journalist und veröffentlicht seit 1978 Lyrik, Romane und Sachbücher, unter anderem ein Portrait Nelson Mandelas. Vor einigen Jahren wechselte er ins Krimifach und zählt längst zu den exzellentesten Krimiautoren vom Kap. In all seinen Büchern beschäftigt er sich mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen dort. Als lakonischen Kommentar lässt sich ohne weiteres sein erzählerischer Umgang mit Polizisten und Politikern lesen. Wenn sie überhaupt in seinen Romanen vorkommen, sind sie zutiefst korrupt.

Mike Nicol hat einen trockenen, schneidenden Humor und stellt ihn auch in „Bad Cop“ wieder unter Beweis. So schleppt der Tierarzt, der in einer Szene ein „Save the Rhinos“-T-Shirt trägt, den ehemaligen Polizeichef und Befreiungskämpfer Mkezi auf dem Weg zur Höhle mit den Rhinozeroshörnern erstmal auf eine Miss-Wahl – und zwar auf eine Miss-Landminen-Wahl. Die gab es tatsächlich, weil nach dem Angolakriegs viele Menschen durch Minen verletzt oder getötet wurden. So sitzt also der ehemalige Polizeichef in einem Kaff an der angolanischen Grenze und wählt Miss-ohne-Beine und Miss-ohne-Fuß. Und seine Frau und Imageberaterin findet das ganz prima, um den Ruf ihres Mannes aufzupolieren.

Nicol erzählt rasant, direkt, in der Gegenwartsform, holt mit Halbsätzen und viel Slangausdrücken ein lässiges Alltagsmoment in die Geschichte. Seine Prosa lebt von treffsicheren Dialogen, die Geschichte von überraschenden Wendungen. So ist „Bad Cop“ – der im Original übrigens weitaus lapidarer „Of Cops and Robbers“ heißt – ein wunderbar flirrender, klug inszenierter, vitaler Kriminalroman geworden. Er wolle schließlich Bücher schreiben, die man am Strand lesen kann und die dennoch einiges über Südafrika und dessen Gesellschaft erzählen, sagte Mike Nicol in einem Interview. Mit „Bad Cop“ ist ihm ein grandioser Kriminalroman und nuancenreiches Gesellschaftsportrait gleichermaßen gelungen.

Mike Nicol: Bad Cop. Aus dem südafrikanischen Englisch von Mechthild Barth. btb-Verlag, 543 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Text und Autorenfoto: Frank Rumpel

Eine etwas kürzere Version dieses Textes wurde auf SWR 2 gesendet.

 

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