Pete Dexter: Unter Brüdern

Scannen 1Es ist eine ungewöhnliche Gangstergeschichte, die der 1943 geborene Pete Dexter da in seinem vierten Roman „Unter Brüdern“ erzählt. Der erschien im Original (unter dem Titel „Brotherly love“) 1991, 24 Jahre, die man ihm nicht anmerkt, was freilich auch daran liegen mag, dass die Geschichte zwischen 1961 und 1987 spielt. Sie beginnt mit einem achtjährigen Jungen namens Peter Flood – und sie geht übel aus. Das ist von Anfang an klar.

Peters Vater Charley gehört zu jenen irischstämmigen Mafiosi, die da im Philadelphia der 1960er die Gewerkschaften kontrollieren, während die italienischen Kollegen auf der Straße das Sagen haben. Absprachen sorgen für ein labiles Gleichgewicht, das allerdings kippt, als bei einem Unfall Peters kleine Schwester ums Leben kommt. Auf dem Gewissen hat sie ein korrupter Cop, der unter dem Schutz der Italiener steht. Peters Vater bringt ihn dennoch um – und wird dafür selbst ermordet. Peters Mutter fällt in eine tiefe Depression. Er wächst bei seinem gewalttätigen Onkel Phil auf, der bei den Iren nun die Geschäfte leitet. Die Gewaltspirale dreht sich weiter, und als auch der Onkel stirbt, übernehmen dessen Sohn, Peters dumpfbackiger Cousin, und er selbst den Job.

Pete Dexter, der zunächst als Zeitungsjournalist auch für die Philadelphia Daily News arbeitete und für eine Kolumne übel zusammengeschlagen wurde, danach – zum Glück – beschloss, Romane zu schreiben, zeichnet ein spannungsreiches Bild eines muffigen Philadelphia, in dem die Fronten klar abgesteckt und die Chancen auf einen Job, bei dem man nicht mit der organisierten Kriminalität in Berührung kommt, gering sind. Wer etwa Dachdecker werden will, muss sich mit der von den Iren kontrollierten Gewerkschaft arrangieren. Wie genau die Clans ihr Geld verdienen, bleibt in der Geschichte außen vor. Sichtbar werden nur die Ränder, an denen die Geschäfte und Konflikte ins Leben der Protagonisten ragen.

Die meiste Zeit ist Pete Dexter nah bei Peter Flood, der als Heranwachsender versucht, durchs Boxen von seiner familiären Bürde loszukommen. Er will ein normales Leben führen und ist doch nicht selbstständig genug wegzugehen und genau das zu tun. Er bleibt in Philadelphia und wird, was er nie werden wollte. Nur das Boxtraining in einem kleinen Club mit einem Betreiber, der eine Art Vaterersatz für ihn ist, gibt ihm über die Jahre Halt.

Dexter erzählt das alles so lakonisch wie konzentriert, verschiebt gelegentlich gekonnt die Perspektive und liefert so ein sehr subtiles Bild eines intelligenten, feinsinnigen Kriminellen wider Willen, der sich Zeit seines Lebens schuldig fühlt. Seinem tragischen Protagonisten stellt Dexter dessen einfach strukturierten Cousin zur Seite, der sich nimmt, was er will, und ohne Gewissensbisse lebt. Viele halten die beiden für Brüder, eine Bemerkung, die Peter Flood stets korrigiert, zumal es wahrscheinlich sein Onkel Phil war, der seinerzeit Peters Vater und damit den eigenen Bruder ans Messer lieferte. Es gibt eine ganze Reihe solch feiner Erzähllinien in diesem klasse Noir von einem – das kann man nicht oft genug sagen – begnadeten Autor.

Sein 2009 veröffentlichter Roman „Spooner“ harrt noch der Übersetzung, die übrigen sechs Bücher sind mit dem 1996 erstmals bei btb erschienenen Roman nun allesamt bei Liebeskind versammelt.

Pete Dexter: Unter Brüdern (Brotherly Love, 1991). Aus dem Englischen von Götz Pommer. München: Liebeskind-Verlag 2015. 303 Seiten. 19,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

erschienen bei www.culturmag.de

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