Arne Dahl: Hass

produkt-9049Im letzten Teil seiner auf vier Bände angelegten Serie um eine geheime, international ermittelnde Europol-Einheit namens Opcop geht Arne Dahl nochmals in die Vollen. Er fächert seine Geschichte weit auf, indem er auch Erzählstränge aus vorangegangenen Bänden wieder aufnimmt und weiter führt. Das funktioniert in Teilen gut, manch andere Tür hätte er besser zu gelassen.

Zwei Erzählstränge bilden das Zentrum der Geschichte. Die Opcop-Mitarbeiterin Donatella Bruno wurde in Rom Opfer eines Bombenanschlags. Sie ermittelte undercover gegen ein Mitglied der Ndrangheta. Opcop vermutete, dass dieser Mafiosi für den Tod ihrer zwei Kollegen verantwortlich ist, die – das zumindest war Stand der Dinge – zwei Jahre zuvor bei einer Bombenexplosion ums Leben gekommen waren. Zeitgleich mit dem Tod der Polizistin, erreicht Paul Hjelm, Chef der Opcop-Truppe, ein Video, das die beiden noch lebend, aber als Gefangene zeigt. Nun geht es darum, Brunos Tod aufzuklären, vor allem aber den Aufenthaltsort der beiden Gefangenen ausfindig zu machen und sie zu befreien.

Derweil wird ein schwedisches Biotech-Unternehmen Ziel eines Hackerangriffs, bei dem wichtige Forschungsergebnisse geklaut werden. Das Unternehmen arbeitet an einem Präparat, das in die menschliche DNA eingreift und den Muskelaufbau verändert. Die Spuren des Hackerangriffs führen nach China, weshalb Opcop zwei Polizisten nach Shanghai schickt, um dort mit einer geheimen Polizeieinheit zusammenzuarbeiten. Das allerdings klappt nicht so ganz, weil die Strukturen sehr undurchsichtig sind und die beiden Opcop-Leute nicht wissen, ob sie ihrem Verbindungsmann vor Ort wirklich trauen können.

Daneben gibt es noch zahlreiche weitere Geschichten, die Dahl nach und nach miteinander verflicht. Seine Geschichte spannt sich von Shanghai bis New York, von Kalabrien über das Aosta-Tal bis nach Madrid, Stockholm und freilich Den Haag. Denn dort sitzt die Opcop-Zentrale. Von dort aus schickt Paul Hjelm seine Mitarbeiter paarweise dorthin, wo sich in den aktuellen Fällen Spuren auftun. Die Ermittler wiederum erstatten Hjelm Bericht. So strukturiert Dahl, der in seinen Kriminalromanen die komplexen Erzählmuster liebt, die zahlreichen Stränge seiner Geschichte, so dass man auch als Leser nie den Überblick verliert. Das ist clever und virtuos gemacht, zumal Dahl so ganz nebenbei auch viele kleine Geschichten erzählt, etwa von der teilweise noch altgriechisch geprägten Kultur im kalabresischen Hinterland und über die Entstehung der Ndrangheta liefert.

Arne Dahl weiß seine Geschichte spannend zu erzählen, nimmt dabei viele aktuelle Themen auf, denkt sie weiter, spitzt sie zu. Im Zentrum steht dabei in allen Bänden die grenzüberschreitende Polizeiarbeit, die versucht, dem globalisierten Verbrechen Paroli zu bieten. Bei Dahl ist das eine operative Einheit von Europol mit weitreichenden Befugnissen, was etwa das Abgreifen von Daten angeht. Sie arbeitet im Geheimen, weil viele grenzüberschreitende Einsätze nicht vom Gesetz gedeckt sind. In der Realität dürfen Europol-Polizisten zwar inzwischen grenzüberschreitend ermitteln, für die Einsätze vor Ort ist dann aber die jeweilige Polizei zuständig.                                                           Außerdem geht es in diesem Band um die Veränderung der menschlichen DNA, das künstliche Erschaffen von Menschen – und da schießt Arne Dahl, auch wenn man das nun nicht alles bierernst lesen muss, weit übers Ziel hinaus. Er geht zu nah ran, arbeitet mit zu vielen Details, die das Ganze eher bizarr und deutlich zu simpel wirken lassen. Zudem ist bei ihm Gut und Böse klar verteilt, seinen Figuren fehlen die Grautöne und das sorgt für gelegentlich allzu grelle Effekte.

Im vierten Teil seiner Opcop-Reihe wollte Arne Dahl offensichtlich nochmals ein richtiges Feuerwerk abbrennen, hat dafür allerdings ein paar Leuchtraketen zuviel ins Sortiment genommen. In seinem Quartett ist „Hass“ sicherlich der am anspruchsvollsten komponierte, aber nicht der stärkste Band.

Arne Dahl: Hass. Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps. Piper-Verlag. 576 Seiten, 16.99 Euro.

(c) Frank Rumpel

Ein Gespräch mit Frank Rumpel über Arne Dahls Roman wurde auf SWR 2 gesendet.

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