Thomas Raab: Still

978-3-426-19956-5.jpg.30774371In einem kleinen österreichischen Nest wird Karl Heidemann geboren, einer, der schon im Mutterleib an der lärmigen Welt krankte. Denn Karl hat ein sehr empfindliches Gehör, weshalb er seine Kindheit in einem gedämmten Kellerraum verbringt, nicht spricht, bleich bleibt und fett wird. Als er seiner Mutter beim Baden ausversehen aus den Händen gleitet, merkt er, dass die Welt unter Wasser ziemlich erträglich ist. Und als er Jahre später seine verzweifelte Mutter dabei beobachtet, wie sie sich im nahen Weiher das Leben nimmt, meint er, dass der Frieden, den er danach auf ihrem Gesicht zu erkennen glaubt, auch anderen gut stünde. Er wird zum Mörder, stellt einige in Jettenbrunn ruhig und meint es gar nicht böse, meint ihnen Gutes zu tun. Als Jugendlicher schließlich zieht er los, zieht eine blutige Spur, verliebt sich, taucht für einige Jahre bei Mönchen unter. Ihm auf den Fersen ist ein Kriminaler, den der Fall Karl Heidemann nicht mehr loslässt. Und dass die Reise mit Karls Tod endet, verrät Raab bereits im ersten Satz.

Bekannt wurde Thomas Raab ja mit seinen bisher sechs, eher heiteren Romanen um den nebenbei ermittelnden Möbelrestaurator Willibald Metzger. Über 250 000 Mal haben sich die Bücher bisher verkauft, einige der Geschichten wurden gerade verfilmt. Dennoch lässt Raab seinen Metzger nun erstmal pausieren – und widmet sich einem Serienkiller. Die Geschichte um Karl Heidemann hat der Wiener Autor üppig in Szene gesetzt und in einem altertümlich anmutenden Duktus geradlinig erzählt. Ganz nah ist er an seinem monströsen Protagonisten, auch wenn er auf Distanz zu ihm geht, ihn durch die Augen anderer betrachtet. Die Geschichte freilich ist nicht ganz neu. Es finden sich etliche literarische Anspielungen darin, allen voran auf Patrick Süskinds „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“. Und doch ist Raab mit seinem Roman auch im Ton etwas ganz eigenes gelungen. Nicht durchweg allerdings. Manche Passage ist ihm da etwas zu wortreich geraten, was zu ein paar Längen und Schlaufen führt. Und auch mit mancher Metapher schießt Raab übers Ziel hinaus. Dennoch erzählt er da auf eindringliche Weise eine eigenwillige, auch spannende, gelegentlich bizarre Geschichte, mit der sich Thomas Raab wahrlich was getraut hat.

Thomas Raab: Still. Chronik eines Mörders. Droemer Knaur 2015. 358 Seiten. 19,99 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

erschienen bei www.culturmag.de

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