Norbert Horst: Mädchenware

Maedchenware von Norbert HorstVerdichteten Polizeialltag und durchaus glaubhafte Ermittlungsarbeit samt dem dahinter liegenden Bürokratiewust liefert Norbert Horst auch in seinem mittlerweile sechsten Kriminalroman „Mädchenware“. Gibt es bereits reichlich, stimmt schon, und doch stechen Horsts Romane heraus, weil er als Hauptkommissar all das aus dem echten Leben kennt – und eben schreiben kann. Vor allem letzteres ist wichtig.

Um Machtkämpfe in der Dortmunder Rotlichtszene geht es in Norbert Horsts neuem Roman. Dort wird ein Nobelbordell überfallen, eine Frau erschossen, eine andere schwer verletzt. Den Spuren am Tatort nach zu urteilen, geht die Polizei von noch mehr Verletzten aus, findet sie aber nicht, findet auch keine Zeugen und hat keine Ahnung, wie die Tote heißt. Die Ermittlungen drohen im Sand zu verlaufen. Horsts Protagonist, Kommissar Thomas Adam, den alle nur Steiger nennen, verbeißt sich in den Fall, folgt winzigen Hinweisen, in der Hoffnung, ein loses Ende zu fassen zu bekommen. Denn eine der Verletzten ist seine Freundin.

Parallel zu den Ermittlungen erzählt Norbert Horst in einem zweiten Strang die Geschichte der Toten und deren zwei Freundinnen. Sie kommen aus einem nicht näher benannten Ort in Russland und hatten allesamt wenig Glück im Leben. Das spätere Mordopfer heiratete in eine Familie ein, die sie schließlich zur Prostitution zwang, zunächst in Russland, dann in Deutschland. Als ihre Freundin Nadeshda erfährt, sie sei verschwunden, macht sie sich auf den Weg nach Dortmund, um nach ihr zu suchen.

Das ist alles nicht sonderlich überraschend. Allein beim Titel „Mädchenware“ lässt sich schon fast diese oder eine ähnliche Geschichte erahnen. Macht aber eigentlich nichts. Norbert Horst, der zuletzt etliche Jahre in der Polizeifortbildung, danach als Pressesprecher und inzwischen wieder in Bielefeld als Ermittler arbeitet, schildert Polizeiroutine und hat auch Platz für manch spröden Behördenjargon. Das macht es eher schlimmer, mag man da denken, aber diese, an der Realität entlang surfende Erzählhaltung hat ihre ganz eigene Dynamik, zumal Horst keineswegs Polizei-PR schreibt, sondern einen durchaus kritischen Blick behält. Das war schon so in Horsts ersten Romanen, die konsequent aus der Innensicht seines eher zynischen Kommissars Konstantin Kirchenberg geschrieben waren. Nun hängt sich der Erzähler meist an seinen eher ruhigen, einsamen Protagonisten Steiger, betrachtet ihn mal von außen, dann die Welt durch seine Augen, bleibt aber Beobachter.

Horsts Protagonist ist zwar Teil dieser berhördlichen Maschinerie, dabei aber stets auch persönlich involviert. Im Vorgänger „Splitter im Auge“ schien diesem Steiger bei einem Fall, der zügig abgeschlossen wurde, alles viel zu gut ineinander zu passen, so dass er an seiner Behörde vorbei selbst weiter ermittelte. Da ging es um Zweifel, um ein komisches Gefühl – und darum, wie unvereinbar das mit einem Behördensystem ist, das effektiv arbeiten muss. Im aktuellen Roman ist Steiger durch seine verletzte Freundin, die als Prostituierte arbeitet und von der eigentlich niemand wissen soll, intensiver an der Lösung des Falles interessiert, als er das vielleicht für gewöhnlich wäre und deshalb bereit, wieder auf eigene Faust zu ermitteln.

Spannend ist das allemal, auch wenn die Geschichte diesmal etwas zu einfach geraten sein mag, eine Geschichte freilich, die man erst mal so erzählen können muss.

Norbert Horst: Mädchenware. Goldmann-Verlag, 352 Seiten, 8,99 Euro. Als E-Book 7,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

erschienen bei www.culturmag.de

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