Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter?

cleverprinting 2009Als Alison Bechdel sieben Jahre alt war, verweigerte ihr die Mutter plötzlich den Gutenachtkuss. Diese Enttäuschung wirkte so lange nach, dass sie sich nun als eine von vielen kleinen, aber bedeutsamen Szenen in ihrem Comic-Album „Wer ist hier die Mutter?“ findet. Im Rückblick trägt es die kleine Alison mit Fassung. Ihre Gedanken freilich sind die der erwachsenen Frau: „Als Mom mir plötzlich keine Gutenachtküsse mehr gab, fühlte sich das fast wie eine Ohrfeige an. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Wenn man mit Sieben zu alt war, war man eben zu alt. Der Schlaf ist wie der Tod, aber er ist auch wie der Mutterleib. Unser warmes Bett umfängt uns und wir gleiten in die Bewusstlosigkeit.“

Diese sachte Melancholie zieht sich durch Bechdels Geschichte, die ähnlich, wie schon der Vorgänger „Fun Home “ von einer Spurensuche erzählt. Im ersten Band beschäftigte sich Alison Bechdel mit ihrem Vater, einem schwer durchschaubaren Familientyrann, der Lehrer war und nebenher ein Beerdigungsinstitut führte. Als Bechdel Anfang 20 war, warf er sich vor einen Lastwagen, weil er mit seiner eigenen Homo- oder auch Bisexualität nicht klar kam. Das zumindest vermutet die Autorin. Daneben spielt in „Fun Home“ – und dieser ausführlichere Rückblick ist nötig, um das aktuelle Buch zu verstehen – auch Bechdels eigenes Erwachsenwerden und ihr Coming-Out als Lesbe eine zentrale Rolle. In „Wer ist hier die Mutter?“ setzt sich die heute 53-jährige Alison Bechdel nun intensiv mit ihrem anderen Elternteil auseinander.

Ich kann dieses Buch wohl nicht schreiben, wenn ich meine Mutter nicht aus dem Kopf kriege. Aber ich kriege sie nur aus dem Kopf, wenn ich dieses Buch schreibe. Ein Paradoxon. Oder ein Dilemma. Die redaktionelle Stimme meiner Mutter, pedantisch, elegant, ohne Adverbien steckt tief in meinen Schläfenlappen.

Wie verwandelt man ein solch persönliches Thema in eine Geschichte? Wie viel gibt man von sich selbst preis und verrät man dadurch nicht auch Geheimnisse der anderen? Um dieses Minenfeld autobiographischen Schreibens herum kreist ein Teil von Bechdels hochkomplexer Comic-Erzählung, in der die Autorin sich selbst in verschiedenen Lebensphasen zeigt. Bechdel versucht, ihre Mutter zu verstehen und dabei auch das schwierige Mutter-Tochter-Verhältnis zu ergründen. Dafür beschäftigt sie sich intensiv mit der Psychoanalyse und den Theorien zur Kind-Eltern-Beziehung. Besonders in den Schriften des Psychoanalytikers und Kinderarztes Donald Winnicot findet sich Bechdel wieder: „Was fasziniert Sie denn so an ihm„, will ihre Therapeutin wissen und Bechdel sagt: „Ich wünsche ihn mir als Mutter.“

Immer tiefer dringt Bechdels Alter Ego in dieses Theoriedickicht und damit gleichzeitig auch in ihr Inneres vor. Träume sind wichtiger Bestandteil dieser Spurensuche, aber auch eigene Therapiesitzungen, eigene Beziehungen, Gedanken, Gespräche, Gefühle. Zeichnerisch nutzt sie dafür ein riesiges Spektrum, das von Traumbildern und imaginierten Szenen, Diagrammen und kurzen Textauszügen psychoanalytischer Schriften, bis zu Bildreihen im Zeitraffermodus und Motiven alter Familienfotos reicht.

Und damit steckt man mitten drin in diesem irrsinnig dichten Erzählkosmos, in dem oft mehrere Erzählebenen parallel laufen. Bechdel liefert keine streng chronologische Geschichte. Vielmehr springt sie – zeichnerisch gut voneinander abgegrenzt – zwischen den Zeitebenen hin und her, zeigt sich in der einen Szene als Kind, das seiner Mutter vor dem Schlafengehen die Tagebucheinträge diktiert, in der nächsten Szene ist sie die 50-jährige Autorin, die die Telefonate mit ihrer Mutter mitschreibt.

Ich habe Angst, dass Mom das Buch über sich „böse“ findet. Das nächste Problem ist, dass die Geschichte von meiner Mutter und mir weitergeht, während ich schreibe. Ein weiteres Problem ist, dass meine Mutter Memoirs als Genre verdächtig findet. Das Ganze bekommt dadurch einen wirren Beobachtereffekt. Tatsächlich ist mein größtes Problem, wie sehr ich den Hang meiner Mutter zur Kritik verinnerlicht habe. Auf den Tag genau seit vier Jahren ringe ich mit diesem Buch über meine Mutter. Ich spreche fast täglich mit ihr: Ich rufe an, sie redet, ich höre zu. Das ist unser Muster. Ich gebe zu, dass ich ihre Äußerungen neuerdings transkribiere. Sie weiß davon nichts, was es etwas unredlich macht.

Bechdels Graphic Novel ist gespickt mit literarischen Verweisen und Zitaten von der Psychologin Alice Miller, der Feministin Adrien Rich oder eben des Psychoanalytikers Donald Winnicot. Und auch Bechdels literarische Säulenheilige Virginia Woolf spielt eine wichtige Rolle, nicht zuletzt, weil sie in ihrer Graphic Novel die von Woolf perfektionierte Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms nutzt, bei der Gedanken, Erinnerungen, Träume und konkrete Situationen zusammenfließen.

Doch was da zunächst nach einem wirren Konglomerat klingen mag, ist tatsächlich klar strukturiert und gut nachvollziehbar. Die Theorien von Donald Winnicot, etwa von der „hinreichend fürsorglichen Mutter“, liefern die Kapitelüberschriften. Sie geben das jeweilige Thema vor, mit dem sich die Autorin dann auseinandersetzt. Alison Bechdel erzählt hier mit allen ihr zur Verfügung stehenden literarischen Mitteln von einer intensiv geführten Auseinandersetzung, an deren Ende die Autorin, wie sie im Interview sagt, zu einem versöhnlichen Ende kommt.

Von meiner Mutter habe ich gelernt, eine Schriftstellerin zu sein, und dafür empfinde ich große Dankbarkeit. Ich schreibe ja darüber, dass sie manchmal distanziert war, dass es nicht viel körperlichen Kontakt und nicht viel Raum gab, um über Gefühle zu reden. Da war diese Distanz, aber sie gab mir eben auch etwas sehr Wertvolles mit, nämlich: wie man sein eigenes Leben als eine Geschichte, als ein Kunstwerk betrachtet. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass meine Mutter eine ziemlich großartige Mutter war.

Genau zu diesem Punkt arbeitet sich die Autorin vor. Dafür springt sie nicht nur ständig in der Zeit, sondern wechselt auch permanent die Perspektive auf die jeweilige Szene. Das sorgt gerade dort, wo wenig passiert, wie etwa bei Gesprächen, für Dynamik und lenkt den Blick der Betrachter auf interessante Details. Geschickt variiert sie die Panelgrößen, die Aufteilung der Seiten. Ihre feinen Zeichnungen sind in Schwarz-Weiß gehalten. Als einzige Farbe dient ihr ein blasses, im Ton variiertes Rot, was den Bildern nochmals mehr Intensität verleiht und zeigt, wie facettenreich, emphatisch und ungemein präzise die Zeichnerin Bechdel komponiert. In dieser Beziehung hat sie sich im Vergleich zu dem in sachtem Grün akzentuierten Band „Fun Home“ nochmals deutlich gesteigert.

Die Story des neuen Bandes allerdings hält da nicht ganz mit, ist längst nicht so geschmeidig und auf den Punkt erzählt, wie der großartige Vorgänger, weil hier etwas Entscheidendes fehlt: eine greifbare Geschichte – ein Problem, das Bechdel im Buch auch selbst anspricht. Was sie da erzählt ist sehr innerlich, enthält reichlich Psychoanalyse, taucht tief ein, fördert dafür aber zu wenige Geschichten zu Tage. Indizien, wie schwer das Thema narrativ zu packen ist, sind die zahlreichen Panels, in denen Bechdel einfach nur beim Lesen zu sehen ist. Auch die vielen Textauszüge aus den Büchern, mit denen sie sich beschäftigt, verweisen darauf, wie theorielastig, spröde und deshalb streckenweise auch etwas eintönig dieses Buch ist.

Dennoch: Was Bechdel da erzählt, ist hoch konzentriert und weiträumig literarisch verlinkt. Gelegentlich blitzt ihr trockener Witz auf. Es gibt etliche geniale, auch eindringliche Szenen aus Bechdels Erinnerungsstrudel, die sie mit scharfem Verstand filetiert und zeichnerisch in neue Zusammenhänge hebt. Bei Bechdels Graphic Novels müssen auch Leute, die sonst einen weiten Bogen um dieses Genre machen, keine Angst haben, unter Niveau unterhalten zu werden. Ganz im Gegenteil. Und man darf gespannt sein, was Alison Bechdel als nächstes aus ihrer Familiengeschichte macht. Da gebe es, wie sie sagt, schon noch einiges zu erzählen.

Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama. Aus dem Englischen von Thomas Pletzinger und Tobias Schnettler. Kiepenheuer und Witsch, 293 Seiten, 22.99 Euro.

(c) Frank Rumpel

auf SWR 2 gesendet

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