Mike Nicol: Black Heart

16274285Nicol_BlackHeart_Bro.inddKriminalromane aus Südafrika boomen auch hierzulande. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass man den Kriminellen dort einiges zutraut. Kriminalliteratur vom Kap, so könnte man meinen, ist näher dran an der Realität als in manch anderen Ländern – im ruhigen Schweden zum Beispiel. Der südafrikanische Autor Mike Nicol spielt nur zu gern mit dieser Erwartungshaltung. Im gerade erschienen Roman „Black Heart“ wird gleich zu Beginn eine Geschäftsfrau aus den USA entführt, woraufhin der Ehemann der Entführten von seinem privat engagierten Sicherheitsmann Mace Bishop wissen will:

„Passiert das oft? Solche Entführungen?“.                                                                              „Nicht so häufig“, erwiderte Mace. „Gewöhnlich ist es ein Raubüberfall. Die Flugzeuge landen, eine Gang wählt einen Touristen aus, der durch den Zoll kommt, folgt ihm zum Hotel, überfällt ihn auf dem Parkplatz oder sogar im Zimmer. Ich dachte zuerst, so was wäre das auch. Das Übliche.“

Will heißen: Solche Sachen passieren in Südafrika tatsächlich, sind durchaus Teil der Realität, aber eben auch wichtiger Bestandteil des Genres, in dem sich Mike Nicol literarisch bewegt. Seit Ende der 1970er Jahre veröffentlicht der 1951 geborene, bei Kapstadt lebende Schriftsteller und Journalist sozialkritische Romane und Sachbücher, wie etwa die autorisierte Biographie Nelson Mandelas. Vor einigen Jahren entdeckte er die Kriminalliteratur für sich, wobei sich bereits in einigen seiner frühen Romane Politthriller-Elemente finden. Mike Nicol sagt im Interview:

Das Interessante ist ja: Wenn man genau hinschaut, sind diese Genreelemente tatsächlich auch in meinen älteren Romanen vorhanden. Warum habe ich das nicht früher realisiert? Ich glaube, der Unterschied ist, dass ich erst zu einer Form finden musste, die mehr vom Genre und dessen Konventionen bestimmt ist, Konventionen allerdings, die ich ziemlich abgegriffen finde und an denen ich mich deshalb auch stetig abarbeiten muss. Kriminalliteratur ist ja immer nahe dran, sich selbst zu parodieren. Sie persifliert die Realität. Deshalb ist sie für mich das perfekte Vehikel. Kriminalliteratur bietet einem Autor viele Möglichkeiten, seine Meinung über die Gesellschaft zu äußern. Und Kriminalliteratur gewährt einen flüchtigen Blick auf die Wirklichkeit, auch wenn sie kein umfassendes Bild wiedergibt. Aber sie stößt zu einer Wahrheit vor – hoffe ich.

Das tun Nicols Geschichten, wie sich sehr schön auch im gerade erschienenen Roman „Black Heart“ ablesen lässt. „Black Heart“ ist der Abschluss seiner so genannten Rache-Trilogie; „Payback“ und „Killer Country“ hießen die Vorgänger, die ebenfalls auf Deutsch vorliegen. Die Trilogie spielt Ende der 1990er Jahre. Südafrika hat gerade seine zweiten freien Wahlen hinter sich und kann die gewaltsame Vergangenheit doch nicht abschütteln. Das merken auch die beiden Protagonisten Mace Bishop, ein weißer Haudrauf, und sein besonnener, schwarzer Geschäftspartner Pylon Buso. Zu Apartheidszeiten verdienten sie ihr Geld als Waffenschmuggler. Nun versuchen sie, im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen. „Complete Security“ heißt ihr Unternehmen, das betuchten Touristen Sicherheit bieten soll. Doch ihre Vergangenheit holt die beiden immer wieder ein, ganz besonders in Person von Sheemina February. Noch zu Apartheidszeiten wollte sie sich dem Befreiungskampf der Schwarzen anschließen. Mace hielt February für eine Spionin und folterte sie.

Dafür hat February, die später Anwältin und erfolgreiche Geschäftsfrau wurde, Rache geschworen. Sie folgt Mace, weiß sehr genau, wo er verwundbar und womit er erpressbar ist. Im zweiten Band der Reihe ließ sie Mace‘ Frau ermorden, im dritten Teil nun will sie Mace selbst an den Kragen. Nun werden Rache-Geschichten ja gern etwas belächelt. Mike Nicol fasst das Thema, wie er erläutert, jedoch größer.

Klar geht es um diese Sache zwischen Sheemina und Mace. Das ist die Rachegeschichte. Aber ich schreibe auch über andere gesellschaftliche Themen. Der weiße Teil der südafrikanischen Gesellschaft hat ja seine Dominanz verloren, und nun sind jene Menschen an der Macht, die hier 300 Jahre lang kolonisiert und unterdrückt wurden. Da durfte man schon ein gewisses Maß an Rache erwarten. Und wie diese Rache zu Tage tritt, das wollte ich im Buch zeigen. Dabei geht es nicht etwa darum, jemanden umzubringen oder ähnliches. Man rächt sich eher ökonomisch. Das sieht dann so aus: Wir haben ein Waffengeschäft, und die Korruption, die um dieses Waffengeschäft herum stattfindet, wird zu einer Art gesellschaftlicher Rache. Die neue Elite sieht das als einen Weg, Geld zu verdienen.

Black Economic Empowerment ist das Stichwort dazu. So heißt ein Wirtschaftsprogramm, das die Regierung 2003 auf den Weg gebracht hat. Es sollte bisher benachteiligten Bevölkerungsgruppen unter anderem die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Vergabe öffentlicher Aufträge sichern. In Nicols Roman nutzen schwarze Geschäftsleute mit besten Verbindungen zu korrupten Politikern das Programm aber vor allem dafür, Geld abzuschöpfen. Die schwarze Anwältin Sheemina February, die im Hintergrund die Fäden zieht, ist eine von ihnen.

In „Black Heart“ interessiert sie sich für die Geschäfte eines Waffenhändlers, der sein neues Waffensystem an die Navy verkaufen will. Allerdings fehlen ihm dafür die richtigen Kontakte. Die kann ihm February vermitteln. Doch der Mann hat noch ganz andere Probleme und nimmt dafür die Dienste von Mace und Pylon in Anspruch: Fahnder des europäischen Gerichtshofs sind hinter seinem Programmierer her, denn der ist ein gesuchter serbischer Kriegsverbrecher.

Sheemina February hat derweil auch ein Auge auf die beiden anderen Klienten von Mace und Pylon geworfen. Ein US-amerikanisches, indigenes Paar will ins südafrikanische Casino-Geschäft einsteigen. Gleich nach der Ankunft in Kapstadt wird die Frau entführt, Pylon angeschossen. Eine Reporterin stürzt sich auf die Geschichte, tritt sie breit: schlechte Werbung für ein Sicherheitsunternehmen. Die Reporterin bekommt ihre Informationen für die Rufmord-Kampagne von February und sie ist es auch, die hinter der Entführung steckt. Denn freilich wollen einheimische Geschäftsleute an einem solchen Casino-Deal beteiligt werden. Mace erklärt das seinem amerikanischen Klienten so:

„Es ist nicht einfach, hier Geschäfte zu machen. Viele Leute wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. Leute, die vielleicht nichts beitragen, die man aber trotzdem mit an Bord nehmen muss, weil sie in enger Verbindung zu Regierungskreisen stehen.“               „Meinen Sie Bestechungen?“                                                                                                           „Wir nennen das anders. Hier heißt das Black Economic Empowerment.“                                  „Also – was ist da genau los?“                                                                                                         „Ich vermute, dass Sie es mit einem örtlichen Konsortium zu tun haben, das meint, es stünde ihm zu, endlich Kompensation für die erlittenen Qualen zu erhalten. Ihre Dollar sind da eine Einmischung aus dem Ausland. Für diese Leute sind sie hergekommen, um sie zu berauben – ganz gleich, wie sie es drehen und wenden.“

Mike Nicol ist diese politische Volte, wie er sagt, wichtig:

Dieses Land ist traditionellerweise fremdenfeindlich. Wir schauen sehr skeptisch auf Dinge, die von außerhalb kommen, und mögen es nicht, wenn jemand den Anschein erweckt, er wolle hier etwas übernehmen oder auch nur effizienter sein als wir. Da geht gleich die Schranke runter. Das wollte ich mit der ganzen Casino-Geschichte zeigen. Aber ich wollte es noch etwas komplexer machen. Die Casino-Idee sollte von Indigenen aus den USA kommen, Leuten also, die dort enteignet worden sind. Jetzt kommen sie zu uns, um die Leute, die hier einst enteignet waren, zu übervorteilen.

Mike Nicol ist ein hellwacher, sehr reflektierter Autor. Er erzählt seinen Stoff pointiert, wendungsreich und mit schneidendem Witz. Seine Figuren sind heterogen und lebensnah gezeichnet, haben stets auch ein Privatleben, das viele gesellschaftliche Aspekte mit einbezieht. So muss sich Mace Bishop etwa um seine pubertierende und seit dem Tod ihrer Mutter depressive Tochter kümmern. Sein schwarzer Kompagnon Pylon Buso wiederum wird zum zweiten Mal Vater und hat dem Wunsch seiner Frau nachgegeben, zusätzlich auch eine Aidswaise zu adoptieren.

Nicol erzählt seine Geschichte geradlinig in kurzen Kapiteln, wobei er immer wieder die Perspektive wechselt. Er arbeitet viel mit Dialogen, Kurz- und Kürzestsätzen, was seinen Büchern, auch in der deutschen Übersetzung, den lakonischen Sound und reichlich Dynamik beschert. Es sind unkonventionelle, schwer absehbare Geschichten, die auf mehreren Ebenen von der komplexen südafrikanischen Gesellschaft erzählen. Mike Nicol:

Ich will keine durchgeplanten Kriminalromane schreiben. Romane, in denen der Sheriff reinkommt, den Kriminellen ausfindig macht und am Ende ist alles gut. Geschichten, die überall auf der Welt spielen könnten. An so etwas bin ich nicht interessiert. Ich will über dieses Land schreiben. Das war schon immer mein Thema und das wird es auch bleiben.

Nicht nur für die Kriminalliteratur vom Kap ist Mike Nicol ein echter Glücksfall.

Mike Nicol: Black Heart. Aus dem Englischen von Mechthild Barth. Btb-Verlag, 434 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

eine Variante dieses Textes wurde in SWR 2 „Forum Buch“ gesendet
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