Maria Ines Krimer: Sangre Kosher

image-1.phpRuth Epelbaum heißt die Protagonistin in María Inés Krimers Kriminalroman „Sangre Kosher“. Sie ist um die 60, Privatdetektivin, Jüdin, steht gelegentlich etwas neben sich, hat eine Schwäche für Bonbons und Kontaktanzeigen. Auch wenn diese Beschreibung auf den ersten Blick etwas betulich wirken mag: Genau das ist Krimers Roman nicht. Denn die 1951 im nordargentinischen Paraná geborene Krimer hat ihre Detektivin als illusionslose Figur angelegt, die der Welt mit knochentrockenem Humor auf die Pelle rückt. „Als das Telefon läutete, sah ich mir gerade den Paten an. Es war Lea, sie teilte mir mit, dass Rosita beim Friseur gestorben war. „Sie waren gerade mit Färben fertig“, sagte sie.“

Bei Rositas Beerdigung wird die Ich-Erzählerin von einem Trauergast gefragt, ob sie nicht nach seiner verschwundenen Tochter suchen könne, einer jungen Frau. Ruth macht sich an die Arbeit, wobei sie nicht auf kleinteilige Recherche setzt, sondern lieber auf ihre kishkes hört, ihre Innereien, ihr Bauchgefühl. Der Zufall spielt da eine gewichtige Rolle, wie auch Ruths shikse Gladys, die ihr den Haushalt führt und im Hintergrund bei den Ermittlungen etwas zur Hand geht. Schon bald stolpert Ruth über die Leiche eines Mädchens, das mit der Gesuchten unterwegs war, und kommt allmählich einem gefährlichen Zuhälter- und Pornografenring auf die Spur. „Der Fall, mit dem ich zu tun hatte, war verzwickt – aber ich war ja schon immer ein Meister darin, mir das Leben schwer zu machen. Und komplett meschugge, als ich mich auf diese Sache einließ.“

Denn eigentlich ist Ruth Archivarin. 30 Jahre lang leitete sie im ländlichen Nordosten Argentiniens das Archiv einer jüdischen Gemeinde. Als sie dort Hinweise auf die Verbrecherorganisation Zwi Migdal fand, bohrte sie sich in das Thema und hielt Vorträge darüber. Das gefiel nicht allen in der Gemeinde, so dass Ruth schließlich vorzeitig in Ruhestand ging und nach Buenos Aires zog. Was sie denn an der Zwi Migdal so interessierte, fragt sie sich selbst, nur um die Antwort gleich hinterher zu schieben: Die Figuren und Geschichten, die die Zwi Migdal zu bieten hatte, übertrafen an Phantastik alles, was sich ein Schriftsteller hätte ausdenken können.“

Denn die nach einem ihrer Gründer benannte Zwi Migdal gab es tatsächlich. Ihre Blütezeit hatte diese jüdische Mafia in den 1920er Jahren. Damals unterhielt sie in Argentinien und Brasilien rund 2000 Bordelle, in denen mindestens 4000 jüdische Mädchen arbeiteten. Die rekrutierte die Zwi Migdal in den nach dem Ersten Weltkrieg von Armut geprägten shtetls Osteuropas, lockte sie mit falschen Versprechungen nach Südamerika und zwang sie dort zur Prostitution. Die Zwi Migdal hatte gute Verbindungen zu Politik, Justiz und Polizei. Und weil die Organisation von einigen jüdischen Gemeinden ausgegrenzt wurde, unterhielt sie eigene Synagogen und Friedhöfe. 1930 wurde sie zerschlagen, als eine Prostituierte gegen sie aussagte.

Diesen geschickt in die Geschichte eingeflochtenen, realen Hintergrund nutzt María Inés Krimer, um ihre Detektivin auf die Spur einer zwar fiktiven, aber gut vorstellbaren modernisierten Zwi Migdal zu setzen. „Damals wie heute nutzt man die Situation von Menschen aus, die auf der Suche nach Arbeit, einem Lebensunterhalt sind“, sagte Krimer in einem Interview. Die „marginalisierte Stellung“ der damals von der Zwi Migdal in die Prostitution gezwungenen Frauen sei jener „der jungen Frauen aus der argentinischen Provinz oder aus Ländern wie Paraguay oder der Dominikanischen Republik, die heute im Visier der Menschhändler sind, offenkundig sehr ähnlich“.

Doch María Inés Krimer macht aus diesem Stoff keineswegs Zeigefingerliteratur. Dafür sorgt vor allem ihr Witz, der hart und spröde, bisweilen auch melancholisch ist, wie in dieser Szene, als Ruth für ihre Nachforschungen ein Fitnessstudio betritt: Eine junge Frau mit Kunststoffbrüsten sah durch mich hindurch. Kein Wunder. Ich bin groß, kein bisschen attraktiv. Die Männer haben mich noch nie wahrgenommen, für sie war ich immer unsichtbar.“

Die in Buenos Aires lebende Juristin Krimer, die sich seit einigen Jahren ganz dem Schreiben widmet und damit schon einige Preise gewann, pflegt einen sehr knappen Stil. Der passt gut zur Figur der Ruth Epelbaum, die allein durch ihre Präsenz Dinge in Bewegung bringt und sehr offensiv ermittelt. „Sangre Kosher“ erzählt eine bisweilen absehbare, aber dennoch spannende Geschichte, die Einblicke in historische wie aktuelle jüdische Lebenswelten Argentiniens gibt, gesellschaftskritischen Anspruch hat, dabei komisch ist und mit Ruth Epelbaum eine Ermittlerin hat, die man einfach gerne begleitet.

María Inés Krimer: Sangre Kosher. Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal. Aus dem argentinischen Spanisch von Peter Kultzen. Diaphanes-Verlag, 198 Seiten, 17,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

eine Version dieses Textes wurde auf SWR 2 gesendet

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