Wolf Haas: Brennerova

9783455404999Wolf Haas hat geschafft, wovon viele Autoren träumen mögen: er ist schwer einortenbar und immer wieder für eine Überraschung gut. Zuletzt überzeugte er mit seiner grandiosen „Verteidigung der Missionarsstellung“ – einer postmodernen Liebesgeschichte, die entlang einiger Seuchen der vergangenen Jahre erzählt ist. Mit seinem neuen Kriminalroman „Brennerova“ nun festigt der 1960 im Salzburgerland geborene, heute in Wien lebende Autor seinen Ruf aufs Neue.

Es ist der bereits achte Teil seiner Reihe um den ehemaligen Polizisten und Privatdetektiv Simon Brenner, der im vorangegangenen, 2009 erschienen Band sogar dem lieben Gott begegnet war, sich aber auch davon nicht unterkriegen ließ. Im aktuellen Roman nun schlittert Brenner in eine Ermittlung, die ihn ins Wiener Rotlichtmilieu, aber auch ins russische Nischni Nowgorod und vorübergehend gar in eine Ehe führt, vorbei an einer Zuhälterbande, zwei tätowierten Unterweltphilosophen und einigen abgehackten Händen. Aber der Reihe nach, auch wenn das der gewohnt verwickelten Geschichte wegen nicht so ganz einfach ist. Beginnen wir also am Anfang:

Früher hat man gesagt, die Russinnen. Die sind groß und muskulös wie Hammerwerfer, die arbeiten beim Straßenbau, und unter den Achseln haben sie so viele Haare, dass sich noch ein Toupet für ihren Mann ausgehen würde und ein zweites für den ersten Parteisekretär. Da hat man gesagt, Russinen sind Mannweiber, und wenn sie ihren Diskus werfen, musst du in Deckung gehen, weil Kraft wie ein Traktor aus Minsk oder einer aus Krasnodar oder sogar ein Kirovets aus Leningrad.

Denkt da der Erzähler, während er dem Brenner über die Schulter blickt. Denn der schaut sich in einer Online-Heiratsvermittlung gerne die hübschen Russinnen an, die so gar nicht den Klischees von damals entsprechen wollen.

Geschrieben hat er natürlich nie einer. Er war ja nicht blöd. Obwohl sicher auch Anständige darunter waren, aber man weiß es ja nicht im Vorhinein. Und bevor du zweimal schaust, bist du irgendwo hineingeraten, Verwicklungen und alles. Das liest man immer wieder.

Genau so kommt es, obwohl der alternde Brenner neuerdings mit der ehemaligen Lateinlehrerin Herta zusammen ist. Aber er kann eben auch den Russinnen nicht widerstehen, lernt übers Internet Nadesha kennen und reist schließlich zu ihr nach Nischni Nowgorod. Dort stellt sich heraus, dass Nadesha gar keinen Ehemann sucht. Vielmehr hat sie das „Kriminalbeamter i. R.“ angesprochen, das Brenner in seinem Profil angegeben hatte. Sie meint, es mit einem Kriminalbeamten in Regierungsfunktion zu tun zu haben, der ihr helfen könnte, ihre verschwundene Schwester wiederzufinden. Denn Nadesha befürchtet, dass die in Wien an einen Mädchenhändlerring geraten ist. Zurück in Wien forscht Simon Brenner etwas nach und gerät dabei an eine brutale Rotlichtbande, die sich selbst Wu Tan Clan nennt, fast, wie die US-amerikanische HipHop-Band. Benannt hat sich der Clan allerdings nach dem Aktenzeichen eines Mordfalls: Wu Tan war die Abkürzung für Wurster Tanja. „Und bald war die Truppe so berüchtigt, dass die Musikfans vom Wu Tang Clan das Gefühl bekommen haben, ihre Band schreibt den eigenen Namen falsch.“

Dieser so spitzfindige, wie hinterhältige Humor durchzieht Wolf Haas Geschichten bis in die kleinsten Windungen. Er kann aber auch mal brachialer ausfallen. So werden gleich zwei von Brenners Informanten kurz nachdem er bei ihnen war, die Hände abgehackt. Nach einigem Durcheinander im Krankenhaus kommt zumindest eines der Opfer, ein stadtbekannter Tätowierer, mit den passenden Händen am Arm wieder zu sich. Brenner freundet sich etwas mit ihm an und merkt allmählich, dass er mit seinen Ermittlungen mitten in einen Grabenkrieg im Milieu geraten ist.

Das ist ganz grob die auf den ersten Blick etwas schlicht wirkende Geschichte, die aber noch an etlichen Stellen die Richtung ändert, ein paar Schleifen dreht, sich verzweigt und Nebenarme bildet. Auf einem dieser erzählerischen Seitenarme wird Brenners Freundin Herta mit ihrer Wandergruppe in der Mongolei entführt und als Geisel festgehalten. Sie verliebt sich in ihren Entführer, regt sich über ihre zickigen, veganen Mitgeiseln auf und arrangiert schließlich, dass der Brenner das Lösegeld überbringt.

Das Schöne an Wolf Haas‘ Brenner-Romanen ist, dass sie anders als manch andere Seriengeschichte, auch im achten Teil noch bestens funktionieren, weil sie nie absehbar sind und auch die wankelmütige Hauptfigur stets überraschend agiert. Und diese Hauptfigur wird wohl auf ewig das Gesicht des Kabarettisten Josef Hader haben, der den Brenner in bisher drei Verfilmungen – kommendes Frühjahr kommt mit „Das ewige Leben“ die vierte ins Kino – mit solcher Verve spielt.

Gemein ist den Brenner-Romanen der eingängige Erzählsound, bei dem der Erzähler die Leser duzt und immer wieder direkt anspricht. Es ist ein der dialektalen Alltagssprache abgelauschter, fies zugespitzter Erzählduktus voller Halbsätze, Auslassungen und Andeutungen. Und das wirkt beim promovierten Linguisten Haas so gar nicht ausgedacht, obwohl es das freilich auch ist. Diese Sprache ermöglicht ihm, konzentriert auf kleinstem Raum zu erzählen, wie hier etwa von Brenners Beziehung zu seiner Freundin Herta.

Die Herta hat es nicht gestört, dass er bei ihr mehr oder weniger stillschweigend eingezogen ist, weil, wie gesagt, seit einem halben Jahr die Herta die Gelassenheit in Person und ihre frühere Gereiztheit auf Dauerwanderschaft. Natürlich, die große Liebe war es nicht, weil nach mehreren Wochen immer noch kein böses Wort, kein Schreiduell, kein Würgemal, aber der Brenner trotzdem sehr zufrieden, sprich Altersweisheit. Und darum hat er auch nicht mehr bei den Russinnen vorbeigeschaut, ganz klare Sache.

Für seine Brenner-Romane hat Haas zudem einen namenlosen Erzähler erfunden, der ganz nah an Brenner ist und dennoch stets im Hintergrund bleibt. Erst im sechsten Band trat er das erste und einzige Mal tatsächlich auf – kurz bevor er erschossen wurde. Mit dem Erzähler wären im Grunde auch alle künftigen Brenner- Romane gestorben. Aber so leicht gab sich Haas nicht geschlagen. Seine Großmutter habe immer gesagt, wenn er einmal sterbe, müsse man das Maul extra erschlagen, heißt es zu Beginn des vorangegangenen Brennerromans. Und so ließ Haas seinen Erzähler einfach weitermachen, als wäre nichts passiert. Und dieser Erzähler ist ein sehr genauer Beobachter mit feinem Sensorium für die Untiefen der menschlichen Psyche, dazu ein großspuriger Welterklärer und Weisheitenverschleuderer. Als Brenner da immer wieder zum Computer geht und sich die Russinnen anschaut, sagt er: „Und das ist eben das Verhexte am Menschen. Da ist er nicht gescheiter als die Maus, die glaubt, dass sie gescheiter als die Falle ist.“

Und als der Brenner vom Schläger des Wu Tan Clan in ein Auto gepackt wird, muss er nicht lange überlegen, mit wem er es da zu tun hat. „Wenn die fiese Visage zusammenkommt mit dem speziellen Muskelaufbau, den du nur von den Klimmzügen an einer Zellentür kriegst, dann weißt du als erfahrener Kripomann, dass du nicht den Radwegebeauftragten der Stadt Wien vor dir hast.“

Wolf Haas ist sicher einer der unorthodoxesten und originellsten deutschsprachigen Erzähler, ein quecksilbriger literarischer Tausendsassa mit einer Menge guter Ideen und einem tiefschwarzen, ja teerigen Humor. Auch sein achter Brenner-Roman ist aberwitzig, wendungsreich, weltgewandt, auch tiefsinnig, klug und eben – sagenhaft komisch. Einfach große Klasse.

Wolf Haas: Brennerova. Hoffmann & Campe, 239 Seiten, 20 Euro. Als E-Book 15,99 Euro. Auf dem Hörbuch liest Wolf Haas seine Geschichte selbst, es kostet 19,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

gesendet in SWR 2/ Forum Buch

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