B. J. Novak: Cornflakes mit Johnny Depp. Storys und andere Storys.

9783351050139Eine auf den ersten Blick alltägliche Situation: Eine junge Frau trifft sich in einer Bar mit einem Mann. Die beiden unterhalten sich. Was er denn so mache, fragt Julie ihr Gegenüber. Und der sagt, er sei ein Warlord aus dem Kongo:

„In-te-re-ssant! Was genau… ist…ein Warlord?“, fragte Julie.                                                                                       „Warlords bestechen, kidnappen, indoktrinieren, foltern und … was war es gleich noch, was war der fünfte Punkt? Oh, töten die Bevölkerung jeder Region, die über ein Mindestmaß an Bodenschätzen verfügt, ohne das entsprechende Mindestmaß Schutz seitens der Regierung zu genießen.“                                                                                   „Hört sich nicht besonders legal an“, sagte Julie, um sich Zeit zu verschaffen, präzise und fundiert zu protestieren.

Es ist genau dieser in den Alltag einsickernde Irrwitz, der Novaks 62 Kurz- und Kürzestgeschichten prägt. Da gibt ein einsamer Mann einen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Sex-Roboter zurück – weil der, also sie, anfängt, Gefühle zu entwickeln.

„Es ist so interessant“, erklärte sie, „wie dein Gehirn funktioniert.“                         „Klar, ich bin eben ein Mensch“, antwortete ich.                                                               „Ich weiß, aber trotzdem. Dein Gehirn gefällt mir.“                                                         Der Sex war großartig, jedes Mal. Aber die kleinen Unterhaltungen danach fingen an, mir Sorgen zu bereiten.

In einer weiteren Geschichte erfindet der Verpackungskünstler Christo die aufregendste Achterbahn der Welt: Er hat sie dem Leben nachempfunden. Was seine Probanden von der Fahrt erzählen, ist vielversprechend:

„Mir hat die erste Hälfte mehr Spaß gemacht, aber die zweite Hälfte war interessanter“, sagte 9.                                                                                                        „Hm“, sagte 12. „Irgendwie fühlte es sich in der zweiten Hälfte so an, als würde ich tatsächlich den Wagen steuern, in dem ich saß. Auch wenn wir, genau wie jedes Mal, einfach nur mitgefahren sind.“                                                                                              „Ich habe daran gedacht, abzuspringen, als es gruselig wurde“, sagte 1.                 „Das ist verrückt“, sagte 8.                                                                                                    „Ja“, stimmte 2 zu. „Es geht doch sowieso schnell genug vorüber. Warum nicht einfach versuchen, es zu genießen?“

Doch als Christo die Testfahrer nach einem Namen für die Bahn fragt, stimmen die keineswegs für „Das Leben“, sondern für: „Das Monster“.                                            „Cornflakes mit Johnny Depp“ – im Übrigen ein frei erfundener und auch nur leidlich passender deutscher Titel – ist das Debüt von Benjamin Joseph Novak. Bisher arbeitete der 35-jährige als Drehbuchautor für die mit einem Emmy-Award ausgezeichneten Comedy-Serie „Das Büro“, in der er auch mitspielte. Daneben war er etwa in Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ oder im zweiten Teil von Spiderman zu sehen. Und er macht schon seit vielen Jahren Comedy. Das merkt man seinen gelegentlich gesellschafts- und auch technikkritisch grundierten Texten im besten Sinne an. Er kann Geschichten auf den Punkt erzählen und tut das so locker, als sitze er neben einem an der Bar.

B.J. Novak pflegt so eine Art Guerillahumor und liebt bizarre Settings. Da sitzt etwa Wikipedia Brown limonadeschlürfend da und kann einem Jungen partout keine Auskunft zu dessen vor Wikipedias Augen gestohlenem Fahrrad geben, weil er sich immer weiter im Dickicht schlauer Erläuterungen verliert. In einer anderen Erzählung erfährt der Bestsellerautor John Grisham, dass sein neuer Roman „Das Irgendwas“ auf Platz 1 der New York-Times Bestsellerliste geklettert ist. Allein: Er hat die Fahne noch gar nicht korrekturgelesen, geschweige denn, seinem Roman einen Titel gegeben. „Das Irgendwas“ war ein Platzhalter, der es ohne sein Wissen aufs Cover geschafft hatte. Und John Grisham freundet sich gezwungenermaßen damit an:

Es machte sich ganz gut im Regal vor seinem inneren Auge. Der Partner, Das Komplott, Das Urteil, Das Irgendwas, Der Verrat. Nicht toll – einfach nur ganz gut. Aber gut.

Gelegentlich verspielt Novak sein Thema, lässt es ausplätschern, bringt eine Geschichte zu nett, zu wenig konsequent zu Ende. Da würde man sich manchmal etwas mehr Biss wünschen. Die Erzählung um John Grisham etwa endet mit der Einsicht, dass ihm ein im Regal stehender Pokal, den er als Trainer eines Bambiniteams errang, viel mehr bedeutet, als der missglückte Buchtitel. Manche Idee ist etwas lau, anderes geht Novak zu absehbar an. „Jung sein, das war ihr Ding“ oder „Der Mann, der Fotos von allem postete, was er aß“ umreißen im Titel schon ziemlich gut die eigentliche Geschichte. Und einige der kurzen und ganz kurzen Texte wären für die Sammlung glatt verzichtbar gewesen.

Kind: Warum haben Möhrenkuchen die beste Glasur?                                            Mutter: Weil sie die beste Glasur nötig haben.

Na ja, auf einer CD wäre das maximal ein Bonustrack. Im Buchhandel fungieren diese Texte wohl als Apetizer für jene, die sich den Band vom Stapel greifen. Gerne arbeitet Novak mit prominenten Namen. Elvis Presley hat da seinen Auftritt, Kate Moss, Nelson Mandela oder eben Johnny Depp. Dabei nutzt Novak geschickt nur die mit den berühmten Namen verknüpften Oberflächen, um daraus seine Geschichten zu spinnen.                    Novak hat ein sehr feines Sensorium für Stimmungen und Stimmen. Er trifft den Nerv und den Ton. In einer Erzählung etwa versprüht einer so viel Energie,

dass er über die Grenzen seines Körpers hinaus zu strahlen schien, als hätte ihn ein Fünfjähriger mit Buntstiften gezeichnet.

Und auch über längere Textstrecken vermag Novak mit Effet zu erzählen, etwa von dem so gerne heiß laufenden Kulturbetrieb. Da kommt der erfolglose Poet J. C. Audetat mit einer Übersetzung des Don Quijote groß heraus und festigt seinen Ruf durch Übertragungen von Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ und Dostowjewskis „Anna Karenina“. Niemand fragt, wie viele Sprachen er eigentlich beherrscht. Nach längerer Karenzzeit kommt die Sensation: Er hat Fitzgeralds „The great Gatsby“ übersetzt – vom Englischen ins Englische. Und er wird auch dafür gefeiert.

Darüber kann man müde lächeln oder sich amüsieren, das hängt von der jeweiligen Humorlage ab. Besonders gelungen sind Novak jedenfalls jene Erzählungen, in denen sich die fiesen Wendungen so herrlich quer zum lockeren Plauderton legen. B. J. Novak ist ein gewitzter, gelegentlich mit einem bitteren Unterton spielender Autor, der hier über weite Strecken gekonnt einen ganzen Tsunami wilder Ideen zwischen zwei Buchdeckeln eingefangen hat.

B.J. Novak: Cornflakes mit Johnny Depp. Storys und andere Storys. Aus dem Englischen von Max Stadler. Blumenbar-Verlag, 18 Euro.

(c) Frank Rumpel

gesendet auf SWR 2

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