Nathan Larson: Boogie Man

Eine interesimage.phpsante Figur hat der US-amerikanische Musiker und Autor Nathan Larson erfunden. Sein Dewey Decimal weiß nicht, wer er ist, hat allenfalls eine vage Ahnung und selbst die könnte manipuliert sein. So genau will er das auch gar nicht wissen. „Ich habe Angst davor, was ich getan haben könnte„, sagt er.

Wahrscheinlich war er Soldat, womöglich ein Söldner, aber einer, der mit Implantaten zu einer Art Kampfmaschine gemacht wurde. Doch selbst das ist nicht sicher, in einer Stadt, in der es keine Gewissheiten gibt. Denn New York wurde am Valentinstag 2014 weitgehend zerstört. Die Infrastruktur brach zusammen, in der Stadt leben nur noch neun Zehntel der ursprünglichen Bevölkerung. Und Dewey würde am liebsten in seiner verwaisten New York Public Library sitzen und die Bücherberge dort nach seinem durchaus fragwürdigem System ordnen. Überhaupt spielt Ordnung in Decimals Leben eine wichtige Rolle. So bewegt er sich nur nach seinem System (biegt etwa morgens vor 11 Uhr nur links ab) und ist Sklave etlicher Marotten. Was er immer bei sich führt sind OP-Handschuhe und eine Gesichtsmaske, außerdem ein Desinfektionsmittel sowie seine Pillen, die er regelmäßig braucht.

Ruhe bekommt Dewey freilich keine, im ersten Teil nicht, wo er es mit ukrainischen Banden zu tun hatte und nun im zweiten erst recht nicht. Denn da stößt der mit einem moralischen Kodex ausgestattete Protagonist auf Papiere, die einen mächtigen Senator – der inzwischen anderweitig verbandelt und mit ganz eigener Agenda unterwegs ist – mit dem lange zurück liegenden Mord an einer koreanischen Prostituierten und deren Tochter in Verbindung bringen. Dewey will der Sache auf den Grund gehen und das ruft eine bestens ausgerüstete Privat-Armee auf den Plan, die schweres Geschütz auffährt. Dewey ist auf der Flucht und macht sich dennoch auf den Weg ins ehemalige Chinatown, um dort von einer einst mächtigen koreanischen Gang näheres über die damals Verschwundene zu erfahren. Dabei setzt Larson seinem Protagonisten ordentlich zu, macht aus ihm einen immer wieder aufs Neue versehrten Helden.

Was da genau im Februar 2014 passiert ist, lässt Larson ebenso im Dunkeln, wie die Welt außerhalb New Yorks. Der Zustand der Stadt freilich lässt auch für den Rest nichts Gutes ahnen. „Der seit 2/14 brutale Gestank ist inzwischen sichtbar: ein gelber Schleier aus verschmortem Plastik, brennendem Öl und schwelendem Müll. Man kommt nicht mal fünf Blocks weit, ohne dass einem die Lunge brennt und man keine Luft mehr kriegt.

„Boogie Man“ ist eine wilde Odysee durch ein zerstörtes und weitgehend entvölkertes New York, eine rasante, mit schwarzem Humor getränkte, lakonisch erzählte Apokalypse, noch etwas leichter, pointierter, als ihr Vorgänger, Larsons Debüt „2/14“. Ein ziemlich guter zweiter Teil der auf drei Bände angelegten Reihe.

Nathan Larson: Boogie Man. Aus dem Amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf. Diaphanes-Verlag, 286 Seiten, 17,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

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