James Lee Burke: Regengötter

146_67681_145408_xxlIn den vergangenen Jahren war es hierzulande still geworden um den heute 78-jährigen James Lee Burke. Über zehn Jahre war keiner seiner Romane mehr übersetzt worden. Wie gut Burke nach wie vor ist, davon kann man sich nun bei der Lektüre seines im Original 2009 erschienenen Romans „Regengötter“ überzeugen.

Hackberry Holland ist Sheriff in einem südtexanischen Nest nahe der mexikanischen Grenze. Ein anonymer Anrufer führt den 74-jährigen zu einem Massengrab neben einer Kirche. Dort wurden neun Thailänderinnen mit einer Maschinengewehrsalve getötet und anschließend mit einem Bulldozer verscharrt. Holland macht sich zusammen mit seiner Kollegin Pam Tibbs an die Ermittlungen, die sich alsbald schwierig gestalten. Die Suche nach dem anonymen Anrufer Pete Flores, einem Säufer und schwer gezeichneten Irakkriegsveteran, droht im Sand zu verlaufen, weil der mit seiner Freundin auf der Flucht ist. Ein Beamter der Einwanderungs- und Zollfahndungsbehörde stört immer wieder Hollands Nachforschungen, die sich allmählich auf einen Mann namens Jack Collins konzentrieren, ein bibelfester, psychopathischer Killer, der sich selbst für die linke Hand Gottes hält und den alle nur Preacher nennen. Überhaupt spielt Religion bei Burke eine wichtige Rolle und so ist Preacher nicht der einzige, der gelegentlich die Bibel bemüht. Preacher scheint in diesem Fall für ein hohes Tier der organisierten Kriminalität gearbeitet zu haben, die ihr Geschäftsgebiet für den großformatigen Drogen- und Menschenschmuggel nach dem Hurrikan Katrina von New Orleans nach Texas verlegt hat. Auch das FBI ermittelt in diesem Fall, scheint aber ganz eigene Interessen zu verfolgen.

Eingebettet hat James Lee Burke diese Geschichte in den Rhythmus der Landschaft. Die Menschen warten auf Regen. Trockengewitter ziehen übers Land, das der sengenden Sonne und dem Wind ausgesetzt ist. James Lee Burke versteht es, diese Landschaft und auch die Geschichte dieses Landstrichs in seinen Büchern sichtbar zu machen. Sie ist nicht nur Kulisse, sondern Teil der Erzählung, die zudem mit komplexen Charakteren aufwartet, allen voran Sheriff Holland selbst. Der war im Koreakrieg, dort in Kriegsgefangenschaft, ein Trauma, das ihn prägte und noch immer nicht loslässt. Er ist trockener Alkoholiker, arbeitete als Anwalt für die Gewerkschaft mexikanischer Farmarbeiter, bevor er den Sheriffsposten in der texanischen Provinz antrat und seit dem Tod seiner zweiten Frau zurückgezogen auf einer kleiner Farm lebt. Er hat sehr klare Vorstellungen von Recht und Unrecht, glaubt an das Gute im Menschen und rechnet doch stets mit dem Schlechten.

Holland ist eine Figur, in der auch einiges von Burkes anderen Charakteren aufblitzt, allen voran sein seit Mitte der 1980er Jahre in 20 Romanen in Louisiana ermittelnder Cop Dave Robicheaux. Ab Mitte der 1990er Jahren schickte Burke den prinzipienfesten Strafverteidiger Billy Bob Holland in Montana ins Rennen und nun erzählt er von dessen Cousin Hackberry Holland, den Burke schon einmal einen Roman gewidmet hatte. Das war im Jahr 1971.

Burke geht nah an seine Protagonisten heran, setzt ihnen zu und überrascht mit manch unerwarteter Facette. Da zückt etwa der psychotische Killer Preacher in einem Anfall von Mitleid gelegentlich ein Geldbündel statt seiner Knarre, um jemanden die Flucht zu ermöglichen. Und von Burkes Frauenfiguren werden die Männer in seinem Roman gleich mehrfach heftig überrascht.

„Regengötter“ ist eine wuchtige, gewalttätige und doch feingliedrig erzählte Geschichte von Menschen, denen alles egal ist und anderen, die versuchen, dem allseits drohenden Chaos und der Willkür etwas entgegenzusetzen. Und das macht James Lee Burke so gut, dass man keinen Moment nachvollziehen kann, warum dieser Autor auf dem deutschsprachigen Markt nie so recht Fuß fassen konnte.

James Lee Burke: Regengötter. Aus dem Englischen von Daniel Müller. Heyne-Verlag, 672 Seiten, 16.99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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