Liza Cody: Lady Bag

knvmmdb-27.dllDie britische Autorin Liza Cody weiß immer wieder zu überraschen. Mit „Lady Bag“ schickt sie eine Protagonistin ins Rennen, die ihresgleichen sucht. Angela May Sutherland heißt sie, lebt als Obdachlose in London, erwartet nichts mehr vom Leben, spricht am liebsten mit ihrer Windhündin Elektra und macht sich das Leben auf der Straße mit billigem, algerischen Rotwein erträglich. „Wir leben von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Wenn wir Geld haben, essen und trinken wir. Wir horten kein Geld für schlechte Tage, weil alle Tage schlecht sind.“

Fünf Jahre zuvor arbeitete sie noch bei einer Bausparkasse, bis sie dem wesentlich jüngeren Gram Attwood begegnete, einem Betrüger, der sie ausnutzte und ausnahm und für dessen Vergehen sie schließlich in den Knast ging. Danach kam sie, finanziell und gesundheitlich ruiniert, nicht mehr auf die Beine und landete schließlich auf der Straße. Und auch das sieht sie im Nachgang ganz nüchtern.

Wenn du es keine Sekunde länger aushalten kannst, gehst du, und damit macht du dich freiwillig obdachlos. Und wisst ihr was? Es ist eine Erlösung. Du bist ganz unten angekommen. Es gibt kein weiteres Fallen. Du kannst endlich aufhören, krampfhaft um den Wiedereintritt in die Gesellschaft zu kämpfen, und dich ganz aufs Überleben konzentrieren.

Wie die 1944 geborene Liza Cody sich in diese Figur bohrt, ist große Klasse und freilich eine Spezialität der Autorin. Ihre Figuren, ihre Blickwinkel sind mindestens ungewöhnlich, ihre Erzählhaltung ist radikal. Das zeigte sie unter anderem in ihrer Bucket-Nut-Trilogie um die zupackende, etwas trampelige Wrestlerin Eva Whylie. Und jetzt erzählt sie also von einer verschrobenen Baglady, die durch ein paar falsche Entscheidungen aus ihrem früheren Leben gekippt und am Rande der Gesellschaft gelandet ist. Und dort auf der Straße begegnet sie zufällig ihrem ehemaligen Lebensgefährten, der sie jedoch nicht wieder erkennt. Er hat eine neue Frau an seiner Seite und als die Baglady ihn eine Adresse nennen hört, beschließt sie, die Frau zu warnen. Das geht schief. Zwei Obdachlose wittern Beute, schlagen die vor dem Gebäude wartende Baglady nieder, räumen das Haus aus. Als sie zu sich kommt, benommen durch die offene Haustür kriecht, wird sie dort erneut zusammen geschlagen und schließlich schwer verletzt neben einer unkenntlichen Frauenleiche gefunden. Aber Polizei und Sanitäter verwechseln sie mit der Wohnungseigentümerin. Sie ist zu schwach, um zu widersprechen, macht sich alsbald aus dem Staub und wird schließlich gesucht. Ein Leben auf der Flucht vor der Polizei, vor alten Bekannten, begleitet von einem hedonistischen Transvestit und nach wie vor auf der Suche nach ihrem Dämon von damals. Denn für die Baglady besteht kein Zweifel, dass er den Mord begangen hat.

Liza Cody hat aus diesem Stoff einen wendungsreichen Kriminalroman gemacht, vor allem aber erzählt sie so gekonnt aus der Perspektive einer Außenseiterin, dass man ihrer schrulligen Protagonistin nur zu gerne folgt. „Tag für Tag verstrich die Zeit, ohne in meinem Gedächtnis Fußabdrücke zu hinterlassen. Es war einfach nur Zeit, und ich saß sie ab, wie man es eben tun muss.“

Für ihre Umgebung ist die Baglady meist unsichtbar. Und wenn sie dann mal wahrgenommen wird, ist sie eine mal erbarmenswerte, mal einfach nur störende Obdachlose, die offenbar an Wahnvorstellungen leidet und wirres Zeug vor sich hinplappert. So nah aber, wie Cody sich an sie heranzoomt, wird aus dem Geplapper und aus dem, was ihr den Tag über durch den Kopf schießt, eine messerscharfe Analyse der Verhältnisse nach der Wirtschaftskrise, das so einfühlsame, wie biestige Portrait einer Stadt von unten, unglaublich genau und pointiert erzählt. Ein wunderbarer Roman von einer Autorin, die zu lesen immer wieder eine Freude ist.

Liza Cody: Lady Bag. Aus dem Englischen von Else Laudan und Boris Szelinski. Argument-Verlag, 320 Seiten, 17 Euro. Das E-Book ist bei culturbooks erschienen und kostet 12.99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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