Bruce Holbert: Einsame Tiere

knvmmdb-28.dllSeit ein paar Jahren rückt der Liebeskind-Verlag mit einer feinen Reihe von Neo-Western dem vielseitig verklärten Western-Mythos auf die Pelle. Dazu gehört auch das Romandebüt des US-amerikanischen Autors Bruce Holbert. Dessen Geschichte spielt Anfang der 1930er Jahre in Okanogan County im Bundesstaat Washington, eine mit drei Einwohnern pro Quadratkilometern noch heute dünn besiedelte Gegend im äußersten Nordwesten der USA an der Grenze zu Kanada. Holbert erzählt von einer Zeit im Umbruch. Durch die Weltwirtschaftskrise hat der Fortschrittsglaube Kratzer bekommen. Und auch wenn Autos längst zu einem normalen Verkehrsmittel geworden sind, verlassen sich viele lieber wieder auf das Pferd.

Rostende Autos säumten die Straße zur Ruine der alten Siedlung. Seit dem Börsencrash konnten sich nur wenige Benzin oder Öl leisten. Die meisten begnügten sich wieder mit Pferden. Die waren langsamer, liefen aber mit nichts als Gras, und das zu rationieren oder zu konfiszieren, hatten die großen Hechte noch kein Mittel gefunden.

Russel Strawl war mal Sheriff, hat sich aber inzwischen altershalber auf einem Stück Land zur Ruhe gesetzt. Als es im nahen Indianerreservat zu einer Reihe bestialischer Morde kommt, soll sich der alte Strawl nochmals auf die Jagd begeben. Dabei eilt ihm sein Ruf voraus, denn schon in seiner Zeit als Sheriff war er unberechenbar, impulsiv und brutal.

Seine Fähigkeit, Herz und Seele in eine Satteltasche zu packen, und die Unfähigkeit seiner Gegner, dasselbe zu tun, machten den Unterschied zwischen ihnen aus. Sein Geisteszustand hatte dann kaum noch etwas Menschliches.

Er quittierte den Dienst, als bei einer Verfolgung durch einen Unfall mehrere Menschen starben. Nun macht sich Strawl, der am liebsten allein ist und schweigt, also in offiziellem Auftrag auf die Suche nach dem Mörder, schaut bei den üblichen Verdächtigen vorbei und lässt sich von niemandem auf die Füße treten. Das bekommen etwa ein paar Beamte des Bureaus of Indian Affairs zu spüren, die ihn nicht unterstützen wollen. Sein Stiefsohn gesellt sich zu ihm, ein Mann mit verqueren Ideen, der sich für einen Prediger hält. Derweil gehen die Morde weiter und allmählich gerät Strawl selbst in Verdacht. Vor allem der korrupte Sheriff Dice, der ihn mit angeheuert hat, würde ihn nur zu gern verhaften, auch damit er ihm bei seiner politischen Karriere nicht im Weg ist.

Bruce Holbert ist als Erzähler meist nah an Strawl, einem etwas aus der Zeit gefallennen, der noch eng mit der Natur verbunden ist und sich darin zu bewegen versteht. Der 1959 geborene Holbert kennt die Gegend gut, in der Strawl da unterwegs ist. Er wuchs dort auf. Entsprechend präzise sind seine oft poetischen Landschaftsbilder, Beschreibungen einer grandiosen Natur freilich die rau ist und gnadenlos, in der es sich immerfort durchzusetzen gilt, auch und gerade in menschlicher Gesellschaft. Wie ähnlich Strawl jenen ist, die er lange Zeit jagte, wird immer dann deutlich, wenn er potentiell Verdächtige aufsucht, einstige Kriminelle, die sich zurückgezogen haben. Mit ihnen versteht sich Strawl gut, nimmt ihre Gastfreundschaft an, teilt seine eigenen Vorräte mit ihnen.

Holbert fängt die Zeit gut ein, erzählt eine heftige, extrem brutale Geschichte von einer Gesellschaft, in der sich jeder selbst der nächste ist, auch kleine Vergehen nicht selten blutig geahndet werden und das Gesetz öfter mal Teil des Problems ist. Abgesehen von praktischen Dingen, misstrauten die Leute im Westen Gerede und Intellekt, sagte Bruce Holbert in einem Interview. Gewalt, ist er überzeugt, sei deshalb für viele der einzige Weg gewesen, sich selbst auszudrücken. Dabei sei der Western-Mythos viel zu schnell gewachsen, als dass er ein moralisches Zentrum hätte entwickeln können. Seinen Protagonisten hat Holbert auch namentlich an seinen Urgroßvater angelehnt. Der erschoss seinerzeit im Streit Holberts Großvater, wurde dafür verhaftet und starb im Gefängnis.                                                                                                                                        Bruce Holbert hat einen faszinierenden, düsteren Anti-Western geschrieben, in dem er den Mythos des Wilden Westens bis zum Kern abschält. Übrig bleibt eine rohe, unberechenbare Gesellschaft.

Bruce Holbert: Einsame Tiere. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind-Verlag, 303 Seiten, 19.90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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