Franz Dobler: Ein Bulle im Zug

1242_01_SU_Dobler.inddKriminalhauptkommissar Fallner hat bei einem Einsatz einen libanesischen Kleingangster erschossen. In Notwehr, wie er behauptet. Der junge Mann habe eine Waffe gezogen. Allein: Die Waffe ist nicht zu finden und Fallners Kollege, der bei dem Einsatz dabei war, hat einen Blackout, kann sich an nichts erinnern. Der Vorfall liegt nun schon ein Jahr zurück, ein Jahr, in dem Fallner dienstunfähig war und bei einigen wenigen Versuchen auch nicht zurückfand in eine Arbeitsroutine. Dabei fühlt sich Fallner nicht unbedingt schuldig. Eigentlich ist er sich sicher, dass der Junge eine Waffe zog, aber weil alles gegen ihn spricht, zweifelt er an seiner Realitätswahrnehmung, die Welt droht ihm immer wieder davon zu schwimmen. Der erschossene Junge ist seither sein stetiger Begleiter, immer wieder erscheint er ihm, beschimpft ihn, macht ihn unsicher. Mit einer Gesprächstherapie kommt er nicht weiter, seine Ehe mit einer Kollegin bröselt. Also erfüllt er sich einen Kindheitstraum, kauft sich eine Bahncard 100 und fährt damit kreuz und quer durch die Republik – seine Art der Therapie.

Denn das war die Tür in der Wand vor ihm – er würde so lange fahren, umsteigen und weiterfahren, bis er seine Problemzone verlassen hatte. Ein Reinigungsritual: Heilung durch Bewegung. Perspektive durch Mobilität! Diese Dummheiten, die man aus einem Wartezimmer mitgenommen hatte, und dann war man zu schwach, um sie mit Hoffnungen aufzutanken.

Seine Reise tritt Fallner ausgestattet mit einem fadenscheinigen Auftrag an. Mehrere Frauen sind in den vergangenen Monaten in der Nähe von Bahnhöfen ermordet worden. Ermittlungen verliefen im Sand. Er solle doch die Augen offen halten, ob ihm etwas auffalle, hat ihm sein Chef mit auf den Weg gegeben. Der Auftrag spielt dann im Roman nur eine marginale Rolle und hat wohl vor allem den Zweck, ihm seinen Dienstausweis und damit ein Stück Identität zu lassen. Fallner ist wochenlang unterwegs und bewegt sich dadurch gleichermaßen außerhalb der Gesellschaft, wie mitten drin.

Der etwas verschrobene Fallner, der sich da in seinem Kopf und gelegentlich wohl auch laut mit dem erschossenen Jungen unterhält, bleibt in Bewegung, hat etliche mal bizarre, mal erhellende Begegnungen mit Mitreisenden, die da ihre Eigenheiten, ihre seltsamen Ansichten spazieren fahren, während Fallner seine so feinen, wie boshaften Beobachtungen und Überlegungen anstellt.

Ein paar Schritte hinter der Frau der alte Killer mit seinem Stock. Hatte kein Stück Gepäck dabei. Ging steif wie von einer Schnur gezogen und machte ein Gesicht, als hätte er die Welt gerettet, ohne einen Dank dafür zu bekommen. Was typisch für diese Serie von Menschen war. Wenn sie nicht den Mut hatten zu töten, dann verklagten sie ihre Nachbarn und dokumentierten in Ordnern jedes ausländische Staubkorn, das in ihrem Garten Asyl suchte.

Aber Fallner ist nicht unterwegs, um seine Vorurteile zu betonieren. Ganz im Gegenteil. Immer wieder lässt er sich überraschen und Franz Dobler versteht es, dies in wunderbar sachten, von Ironie durchdrungenen Bilder zu packen, etwa von einem Dorf, an dem Fallner so oft vorbeifuhr.

Er hatte es mehrmals aus dem Zug bewundert, war fasziniert, wie es in einer tiefen Schlucht lag, die scheinbar so lang wie der Weg zur Hölle war, ein böses Bergdorf, das jeden Fremden vor Angst erstarren ließ. Und dann war er ausgestiegen, stand in einer matten Siedlung zwischen schüchternen Hügeln.

Der 1959 geborene Augsburger Autor Franz Dobler hat aus diesem Stoff einen kantigen, unbequemen Roman gemacht, indem er Geschichten, Beobachtungen, Gedanken und Träume eng zusammen zurrt. Musik, insbesondere jene des Jazz-Trompeters Lee Morgan spielt eine wichtige, auch programmatische Rolle, denn Morgan wurde 1972 von seiner Frau erschossen, während er in einem New Yorker Club auf der Bühne stand. Vorneweg hat Dobler seinem Roman ein Zitat des Postzugräubers Ronald Biggs gestellt: Niemand ist unschuldig. Denn Fallner traut nicht nur sich selbst nicht so ganz über den Weg, sondern zweifelt allmählich auch an ihm einst Vertrauten.

Dobler pflegt einen knarzigen, zupackenden Humor und macht aus den oft verqueren  Begegnungen in Zügen und auf Bahnsteigen, in Bahnhofskneipen und an unwirtlichen Bahnhofsrückseiten keine bloße Nummernrevue. Viel zu sehr hat der immer wieder seine Contenance verlierende, von Dobler vielschichtig und lebendig angelegte Fallner, der eine Wut auf rechte Gesinnungen und bigotte Inszenierungen hat, mit sich selbst zu tun. Ein ungewöhnlicher, immer wieder überraschender, klasse Kriminalroman, sperrig, aber unbedingt lohnend.

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug. Roman. Klett-Cotta, 345 Seiten, 19,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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