Chloe Hooper: Die Verlobung

knvmmdb-26.dllDie Engländerin Liese Campbell will neu beginnen. Sie ist eigentlich Innenarchitektin. Doch ihren Job hat sie verloren. Sie hat Schulden und versucht sich nun bei ihrem Onkel in Melbourne als Immobilienmaklerin. Dabei trifft sie den Farmer Alexander Colquhoun, der eine Stadtwohnung sucht. „Er sah so aus, wie ich mir einen typischen Australier vorstellte: sorglos, ein bisschen sonnenverbrannt, ein wenig anderswo mit dem Kopf.“

Sie verführt ihn. Danach verabreden sie sich immer wieder in zum Verkauf stehenden Häusern. Und nach dem Sex bezahlt er sie. Für die junge Liese ist es ein aufregendes Spiel. Sie genießt die Macht, die sie dabei hat, aber auch die Freiheit, ein ganz anderes Leben zu leben – zumal sie damit ihre Schulden tilgen kann. Doch das Spiel entwickelt rasch eine eigene, bedrohliche Dynamik, weshalb Liese zurück nach England will. Zuvor aber soll sie mit Alexander noch ein Wochenende auf dessen Farm im Hinterland verbringen. Er bietet ihr eine Menge Geld dafür. Sie nimmt an und merkt schon bald, dass es der größte Fehler ihres Lebens war. In dem herrschaftlichen, aber heruntergekommenen Haus scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. „Es war wie in einem Museum in der Provinz, das man nur betritt, weil sonst alles geschlossen hat.“

Dort auf der Farm ohne Telefonanschluss geht es jedoch gar nicht mehr um Sex. Alexander hat eigene Pläne: Er will Liese heiraten, sie aus ihrem vermeintlichen Prostitutionselend befreien. Denn er glaubt, dass sich Liese schon als Jugendliche prostituierte und er in Melbourne nur einer ihrer vielen Kunden war. Tatsächlich hatte sie ihm von den sexuellen Vorlieben anderer Männer erzählt – alles frei erfunden, weil sie annahm, dass es ihm gefiele. Erst vor Ort, in der beklemmenden Atmosphäre des weit abgelegenen Hauses merkt sie, wie ernst die Lage ist.

In dem schmalen Bett liegend, hatte ich das Gefühl, begraben worden zu sein. Das Haus keuchte asthmatisch, gab seltsam menschliche Geräusche von sich. Die Glasscheiben des Fensters klirrten leise, dann herrschte wieder Stille.

Alexander zeigt ihr Briefe, die er offensichtlich selbst verfasst hat. Ein Unbekannter informiert ihn darin detailreich über Lieses vermeintlich verruchte Vergangenheit und bettet all dies zwischen reale Ortsangaben und wahre Begebenheiten aus ihrer Jugend. Liese ist entsetzt:

Er hatte meine Fantasie ergriffen und sie umgebogen. Sie so lange verbogen, bis ich aus purem, unwahrscheinlichem Zufall merkte, dass ich in einen feuchtkalten unbekannten Raum hinabgeschlittert war. Es war das Zimmer in seinem Kopf, in dem ich mich befand, und er hatte die Tür abgeschlossen.

Die 1973 in Melbourne geborene Chloe Hooper versteht es in ihrem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman meisterhaft, im weitläufigen australischen Hinterland eine klaustrophobische Atmosphäre zu erzeugen. Ihre ambivalenten Figuren sind fein gezeichnet. Alexander ist ein einsamer, mindestens verschrobener Sonderling, der schwer einzuschätzen ist, weil er auch charmante Seiten hat. Er hält Liese fest, ohne gewalttätig zu werden und doch scheint ein Gewaltausbruch jederzeit möglich. Erzählt wird die Geschichte von Liese selbst, der intelligenten, gelegentlich aber auch naiv, unsicher und wankelmütig wirkenden Protagonistin. Sie ist es, die alles, was in Alexanders Haus passiert, aus der Ich-Perspektive schildert und interpretiert. Und genau damit erzeugt Chloe Hooper in ihrem leisen Thriller diese kriechende Spannung.
Das fast schon als lebender Organismus geschilderte Haus erinnert an die Gothic Novels des 19. Jahrhunderts, die bedrohliche Situation etwa an Stephen Kings „Shining“ oder Robert Blochs „Psycho“. Aber all diese Referenzen sind nur Hintergrundrauschen, sind Teil von Hoopers mit stachligem Humor inszenierten Spiel in diesem dicht gesponnenen Roman. Hoopers Protagonisten balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Vorstellung. Ihre jeweiligen Fantasien sind es, durch die beide mehr und mehr von sich selbst preisgeben. Hooper hält das alles gekonnt in der Schwebe, sorgt immer wieder für interessante Wendungen, spitzt es bis zum überraschenden Ende ganz kühl zu. Eine so packende, wie schillernde Geschichte.

Chloe Hooper: Die Verlobung. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. Liebeskind-Verlag, 319 Seiten, 19,80 Euro.

(c) Frank Rumpel

gesendet auf SWR 2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.