Anne Goldmann: Lichtschacht

1220xLena ist gerade nach Wien gezogen und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Sie wohnt vorübergehend bei einer Freundin, die auf Reisen ist. Als sie am ersten Abend leicht bekifft von ihrem Balkon aus über die Stadt blickt, sieht sie drei Leute auf dem Dach des Nachbarhauses sitzen. Sie schaut weg und wieder hin – da sind nur noch zwei Leute auf dem Dach. Am nächsten Tag traut sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr. Trotzdem schaut sie im Hof des Nachbarhauses nach. Nichts. Keine Leiche, keine Spuren. Stattdessen lernt sie Georg kennen – ein junger Mann, der im Nachbarhaus gleich unterm Dach wohnt. Die beiden kommen sich rasch näher, doch verkompliziert sich die Beziehung, als sie erfährt, dass in dem Haus tatsächlich eine junge Frau verschwunden ist und ihr neuer Freund Georg sogar kurz mit ihr zusammen war.

Lena mag Georg, traut ihm aber nicht so ganz über den Weg. Zumal er sie auf Distanz hält, zu spät zu Verabredungen kommt, spontan Jobs übernimmt, obwohl er eigentlich Jura studiert. Und er scheint Geld zu haben, lädt sie öfters zum Essen ein, fährt ein schickes Auto und zieht schließlich in eine Villa am Stadtrand. Das alles sind Elemente, die durchaus mit der Tat in Verbindung stehen könnten. Denn die Verschwundene hatte kurz zuvor im Lotto gewonnen. Davon erfahren die Leser in kurzen, eingeschobenen Kapiteln, in denen Goldmann die Sicht jenes namenlosen Mannes schildert, der die Frau vom Dach gestoßen hat. Der Täter ist so berechnend wie skrupellos, versteht es aber, mit charmanter Fassade zu spielen. Er ist ganz offenbar ein Soziopath mit einem notorischen Hass auf Frauen.

Er hatte immer Frauen neben ihr gehabt, die ganze Zeit über. Es war einfach: Behandle sie am Anfang wie eine Prinzessin. Gib ihr das Gefühl, dass sie jemand Besonderes für dich ist, dass nur sie dich wirklich versteht. Und du sie. Letztendlich glaubten sie einem immer, wenn man es einigermaßen klug anstellte. Weil sie es glauben wollten. Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Gib die Regeln vor. Ändere sie, wann es dir passt. Und vor allem: Keine Nachsicht, wenn sie zicken, schmollen, anstrengend werden. Sofort eine Grenze ziehen. Das war der ganze Zauber.

Als schließlich die Leiche der verschwundenen Frau im Lichtschacht des Nachbarhauses gefunden wird, weiß Lena mit einem Schlag nicht mehr, wem in der Stadt sie noch trauen kann. Gekonnt spitzt Anne Goldmann ihre Geschichte zu, versteht es, ganz ohne Effekthascherei eine zunehmend beklemmende Atmosphäre aufzubauen. Sie erzählt ruhig, mit sehr genauem Blick auf Alltagssituationen. Ihre fein gezeichneten Figuren sind schillernd, allesamt schwer einzuordnen. Das gilt insbesondere für ihre Protagonistin Lena, die von ihren Gefühlen und Ahnungen hin und her geworfen wird. Geschickt lenkt Goldmann den Blick ihrer Leser auf dieses und jenes Detail der Geschichte – und führt sie damit prächtig an der Nase herum.                                                                                                   Die 1961 geborene Anne Goldmann ist im Brotberuf Sozialarbeiterin und betreut Straffällige nach der Haft. Mit menschlichen Abgründen und Tragödien ist sie also bestens vertraut. Das zeigte sie schon in den beiden Vorgängerromanen „Das Leben ist schmutzig“ und „Triangel“. Die waren gut, ihr aktueller Roman „Lichtschacht“ aber ist noch besser. Denn hier erzählt Goldmann stringenter, verknüpft ihre Erzählfäden noch enger und präziser und hält dabei spielend die Spannung. Mit viel Menschenkenntnis und einer gelegentlichen Prise Sarkasmus folgt sie ihren Figuren, die allesamt auf der Suche sind, nach der Wahrheit, nach ein bisschen Glück. Mit „Lichtschacht“ ist Anne Goldmann ein famoser Kriminalroman gelungen.

Anne Goldmann: Lichtschacht. Argument-Verlag, 12 Euro.

(c) Frank Rumpel

Der Beitrag wurde in ähnlicher Form auf SWR 2 gesendet.

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