Dominique Manotti: Ausbruch

 

knvmmdb-25.dllNeun Kriminalromane hat die heute 71-jährige, in Paris lebende Dominique Manotti bisher geschrieben. Acht liegen in deutscher Übersetzung vor und die sind allesamt klug, verschachtelt, in einem präzisen, kühlen Sound erzählt. Das gilt auch und ganz besonders für ihren neuesten Roman „Ausbruch“.                                                                                          Der spielt Ende der 80er Jahre. Der Kleinkriminelle Filippo schließt sich im Gefängnis nahe Rom spontan seinem Zellengenossen Carlo Fereneli an, der sich in einem Müllcontainer aus dem Knast schmuggeln lässt. Carlo ist einer der Köpfe der linksradikalen Roten Brigaden. An den langen Abenden in der Zelle hatte er Filippo von den Arbeiterprotesten und der Radikalisierung der Linken in Italien erzählt.

Wenn sie dicht nebeneinander auf der schmalen unteren Pritsche saßen, redete Carlo ohne Unterlass mit sehr leiser Stimme. (…) „Wir griffen also zu den Waffen, wir setzten jeden Tag unser Leben aufs Spiel, aber das ist nicht das Schlimme, das Schlimme ist das Töten. Und wir haben getötet. Ich habe getötet.“ Es folgte ein langes Schweigen. In Carlos Leben hatte die Vehemenz der Überzeugungen, das Ungestüm der Hoffnung alles fortgerissen, alles zerstört. Und Filippo betrachtete fasziniert die Trümmer.

Die Flucht gelingt, draußen aber trennen sich ihre Wege. Der junge Filippo schlägt sich von Rom aus nach Norden durch. Als er erfährt, dass Carlo beim Überfall auf einen Geldtransport in Mailand erschossen wurde und dabei auch ein Polizist starb, fürchtet er, mit dem Überfall in Verbindung gebracht zu werden und flieht nach Paris.                          Um der Einsamkeit zu entkommen beginnt Filippo zu schreiben, macht aus seiner Geschichte einen Roman, erzählt von Carlo, von der gemeinsamen Flucht und von dem Geldraub. In seinem Roman allerdings wird er selbst zum Held, der den berühmten Carlo auch bei dem Überfall an seiner Seite hat. Ein Verlag bringt das Buch mit dem Titel „Ausbruch“ heraus und das schlägt beim Publikum seiner vermeintlichen Authentizität wegen ein. Filippo genießt die neue, schillernde Rolle als Autor und das Spiel mit der konstruierten Wirklichkeit.

Filippo trägt einen braunen Anzug und ein rosafarbenes Hemd, in die er geschlüpft ist, wie andere in den Blaumann für die Fabrik. Zu Hause hat er geübt, in seiner neuen Montur zu laufen und zu sitzen, sie völlig ungezwungen zu bewohnen, als hätte er sie immer schon getragen. Dann ist er sich beim Weggehen unvermutet in den Fahrstuhlspiegeln begegnet. Nach der anfänglichen Verblüffung besah er sich in Ruhe den Mann ihm gegenüber, ungläubig und mit leisem Neid.

Nicht wirklich im Klaren ist sich der etwas naive Filippo darüber, dass ihm seine Geschichte auch gefährlich werden kann. Die italienische Justiz wird auf ihn aufmerksam und auch die in Paris lebenden Exil-Italiener trauen Filippo nicht über den Weg. Die Genossen fürchten, dass sich mit dem Roman eine Fiktion vor die Realität schiebt, dass ein fiktiver Carlo den alten Weggefährten überstrahlt und linke Ideale verwässert.

„Ich sorge mich nicht um dein Schicksal, sondern um unseres“, sagt da Lisa zu Filippo. „Carlo gehörte einer politischen Bewegung an, derselben wie ich. Alles, was ihn betrifft, betrifft uns alle: Wenn Carlo im kollektiven Gedächtnis zu einem Gangster wird, der Banken ausraubt, um sein Leben mit römischen Straßengangs zu verbringen, zahlen wir alle dafür den politischen Preis. Und der ist sehr hoch.“

Sehr elegant und mit teilweise bissigem Humor erzählt Dominique Manotti, die eigentlich Marie-Noëlle Thibault heißt, von der Entstehung eines Mythos, aber auch vom Schreiben selbst. Darin eingeflochten hat die Autorin, die lange als Historikerin Wirtschaftsgeschichte lehrte und zudem sieben Jahre lang dem größten französischen Gewerkschaftsbund vorstand, auch die Geschichte der italienischen Linken, ohne sich je im politischen Klein-Klein zu verlieren. Und zu dieser Geschichte gehören eben auch die Geheimdienste und die nationalistische, von der CIA unterstützte Geheimloge Propaganda Due, die in den Sechziger, Siebziger und Achtziger Jahren mit Terroranschlägen versuchten, die italienische Linke zu diskreditieren. Auch im Roman haben der Geheimdienst und die italienische Rechte sowohl bei Carlos Befreiung als auch bei dem Überfall ihre Finger im Spiel. Dominique Manotti, die erst mit 50 begann, Romane zu schreiben, zieht hier alle Register, zeigt, wie aus einem solch komplexen Stoff ein raffinierter und wunderbar vielschichtiger Kriminalroman werden kann.

Dominique Manotti: Ausbruch. Aus dem Französischen von Andrea Stephani. Mit einer Legende zu einigen im Roman verwendeten politischen Termini von Else Laudan und Iris Konopik. Argument-Verlag, 17 Euro.

© Frank Rumpel

SWR 2

 

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