Ross Thomas: Fette Ernte

9783895813177Fette Ernte“ ist der 13. Band in der verdienstvollen Ross-Thomas-Edition des Berliner Alexander-Verlages. Denn hierzulande erschienen die Romane des US-Autors lange nur in stark gekürzten, eher verstümmelten Fassungen und trugen alberne Titel wie „Vierzig Riesen für den Zwerg“ oder „Bonbons aus Blei“. Seit einigen Jahren nun gibt es Ross Thomas neu zu entdecken. Wie sehr sich das lohnt zeigt auch der aktuell vorliegende Roman „Fette Ernte“, der erstmals 1975 erschien. Darin widmet sich der 1926 geborene Autor dem etwas dröge anmutenden Warentermingeschäft – und zeigt, wie meisterhaft er sein erzählerisches Handwerk beherrscht. 

Der mit Hammerzehen geschlagene Freund und Berater von sechs US-Präsidenten war natürlich nicht tot. Noch nicht. Wäre er tot gewesen, hätte er nicht mit seinem dicken Zeh unter der Bettwäsche wackeln können.

So beginnt Thomas seine Geschichte, doch der hier vorgestellte 93-jährige William Gilmore ist am Ende des ersten Kapitels tatsächlich tot, erschossen vor seinem eigenen Haus. Dabei wollte Gilmore an diesem Tag seinem Nachfolger in der Anwaltskanzlei von einer großen Sache erzählen, die er in seinem Klub aufgeschnappt hatte. Also macht sich Gilmores Nachfolger Ancel Easter zusammen mit dem privaten Ermittler Jake Pope daran, herauszufinden, was es gewesen sein könnte, das Gilmore da gehört hatte. Vage Hinweise führen Pope auf die Spur eines geplanten Betrugs an der Waren-terminbörse. Im Washingtoner Landwirtschaftsministerium werden die jährlichen Ernteschätzungen der Bundesstaaten für Weizen gesammelt und zu einem bestimmten Termin veröffentlicht. Ein Mitarbeiter aus dem Ministerium, findet Pope heraus, soll diese Prognosen bereits vor dem Termin an einen windigen Geschäftsmann liefern, der auf den Weizenpreis setzen will. Was es mit dieser Art Geschäft auf sich hat, lässt sich Pope von einem Profi erklären.

„Spe-ku-la-tion ist schlicht und einfach Glücksspiel. Sie wetten darauf, dass der Preis von etwas, das sie nie sehen und nie besitzen, steigen oder fallen wird. Damals im Jahr 64 betrug der Wert aller Terminkontrakte ein bisschen mehr als 60 Milliarden Dollar. Mittlerweile liegt er bei 340 Milliarden. Er wird zu hoch. Zu groß.“                        „Was wird passieren?“, sagte Pope.                                                                                     „Ein Zusammenbruch, eine Katastrophe. Vielleicht nächstes Jahr oder das danach.“      

 Der hier spricht ist ein ehemaliger Spekulant, der schon zwei Mal Millionär war und alles verlor, im Gefängnis saß, dann Prediger wurde und sein Geld nun mit einem Infobrief verdient, den er an 200 gut zahlende Abonnenten verschickt.

Die Hälfte des Briefes handelt nur von der Verruchtheit der Warenspekulation. In der anderen Hälfte geht es darum, wie man damit das schnelle Geld macht.

Es ist genau diese Art schlitzohrige Ambivalenz, von der Ross Thomas, der selbst lange als Journalist und politischer Berater arbeitete, mit sarkastischem Witz so gern erzählt. Der ermordete Gilmore etwa, Vertrauter von sechs US-Präsidenten, wusste, dass man in dieser Stadt ganz früh am Morgen mit dem Konspirieren begann, damit man es zum Mittagessen erledigt hatte„.

Thomas erzählt seine Geschichte kunstvoll, stringent zwar und doch in Schleifen. Kapitel für Kapitel setzt er immer wieder an einem anderen Punkt an, führt Figuren ein, entwirft jeweils mit ein paar Strichen und wunderbar vielschichtigen Dialogen eine neue Szenerie. Seine Sprache ist präzise, der Ton lakonisch. Zudem ist Thomas so ziemlich an jedem Punkt der Geschichte für Überraschungen gut. Was in „Fette Ernte“ zunächst so gar nicht ins Bild passen will, ist der ermordete 93-jährige, zumal es im Lauf der Tage weitere Tote gibt. Diese Geschichte verknüpft Thomas erst am Ende mit der eigentlichen Story und da wird klar, dass beide auf jeweils eigene Art von der Macht des Zufalls erzählen: Das Mörder-Duo wählt seine Opfer willkürlich aus. Und bei den Spekulationen beeinflusst ein Glücksspiel den Marktpreis für Nahrungsmittel. In beiden Fällen verschwenden die Akteure keinen Gedanken an die Konsequenzen ihres Tuns.

Die 40 Jahre, die diese Geschichte auf dem Buckel hat, merkt man ihr kaum an, zumal sie im Kern noch immer aktuell ist, weil Rohstoffspekulation bis heute im großen Stil betrieben wird. Zeitlos aber wirkt diese Geschichte vor allem deshalb, weil sie einfach brillant geschrieben ist und Ross Thomas mit biestig humorvollem Blick die Niederungen der menschlichen Natur ausleuchtet.

Ross Thomas: Fette Ernte. Neu übersetzt von Jochen Stremmel. Alexander-Verlag, 341 Seiten, 14,90 Euro.

© Frank Rumpel

SWR 2

 

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