David Peace: GB84

knvmmdb-23.dll30 Jahre ist es jetzt her, dass in Nordengland während des einjährigen Bergarbeiterstreiks bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Die gerade wiedergewählte Margaret Thatcher setzte ihren neoliberalen Kurs der Privatisierung von Staatsbetrieben fort. Dazu gehörte auch der Bergbau. Jede dritte von damals 176 Zechen sollte geschlossen werden. Die Bergarbeitergewerkschaft rief zum Streik auf und fand in der konservativen Thatcher-Regierung einen mit harten Bandagen kämpfenden Gegner. Am Ende setzte sich die Regierung durch. Doch der Streik forderte zehn Tote und 3000 Verletzte, kostete über 2 Milliarden Pfund. Über 11000 streikende Kumpel wurden verhaftet. Diesem Thema hat sich der 1967 geborene, in Yorkshire aufgewachsene Autor David Peace in seinem Roman „GB84“ angenommen.

Tag 1. Wir trinken eins und gehen dann zum Welfare Club rüber. Heute Abend sind so viele da, die müssen sogar draußen auf dem Parkplatz stehen – Antrag, den Streik zu unterstützen. Antrag wird angenommen. Einstimmig. Jede Menge Gerede über die Streiks ’72 und ’74. Ich geh im Club pissen, da meint ein Kerl zu mir, es geht also alles klar? Was meinst du mit „alles klar“, frage ich. Gewinnen wir, fragt er. Ja, sage ich zu ihm. Was machst du dir Sorgen?

Ganz so glatt wird es dann nicht laufen, wie jener fiktive Streikende aus Yorkshire meint, der hier zu Wort kommt. Er erzählt, wie sich der Arbeitskampf Tag für Tag zuspitzt, wie er mürbe macht, weil der soziale Rückhalt schwindet, das Geld langsam versiegt, Familien auseinanderbrechen.

Tag 269. Keith setzt mich ab. Er lacht mit mir über den Zustand meines Wagens, dann fährt er nach Hause. Zu Frau und Kindern. Er hat es schwer, aber er hat sie noch. Die Polizei kann ihn bespucken. Dumme Bemerkungen machen. Ihn jagen. Verprügeln. Ihm sogar die Zähne ausschlagen – Aber er hat Frau und Kinder. Der Glückspilz – Ich öffne die Tür. Nichts. Niemand – nur ein Exemplar der Coal News.

Das ist die eine Erzählperspektive, mit der sich Peace dem Ereignis nähert. Die durchweg in der Ich-Form geschriebenen Alltags-Schilderungen zweier streikender Kumpel ziehen sich durch das ganze Buch. Die Kleinteiligkeit dieser Berichte schlägt sich auch grafisch in einer Minischrift ohne Absätze nieder.

Daneben erzählt Peace in wochenweise aufgeteilten, kurzen Kapiteln von den fiktiven Kontrahenten des Streiks. Da ist auf Regierungsseite Stephen Sweet, der die Anti-Gewerkschaftsaktionen koordiniert und in der PR-Schlacht in vorderster Reihe steht. Sein Fahrer Neil Fontaine hat als Geheimdienstmann derweil noch eine zweite Agenda. Auf der anderen Seite folgt Peace dem Präsidenten der Gewerkschaft und seinem Geschäftsführer Terry Winters, der eine außereheliche Affäre mit Diane hat, einer Spionin der Gegenseite. Peace geht jeweils nah ran, zeigt die Protagonisten in ihrer Wahnhaftigkeit und in ihren verletzlichen Momenten.

Mittwoch früh saß Terry Winters als Erstes mit den Finanzbeauftragten der zwanzig unabhängigen Regionalbezirke und Unterabteilungen im gegenüberliegenden Royal Victoria Hotel. Vor Beginn des Meetings ließ Terry sie alle aufstehen. Sie sollten im Raum nach versteckten Mikrofonen und Wanzen suchen und sich gegenseitig abtasten. 

Mitten im Kalten Krieg ging die Thatcher-Regierung hart gegen die eigenen Bürger vor und Peace schlägt im Titel ganz bewusst die Brücke zu dem von George Orwell in seinem Roman „1984“ geschilderten Überwachungsstaat.                                                                        Je länger der Arbeitskampf dauert, desto mehr bröckelt die Streikfront. Immer mehr Bergleute gehen wieder an die Arbeit. Vielerorts bahnt ihnen die Polizei mit Gewalt den Weg durch die Reihen der Streikenden zur Zeche. Peace stellt das gekonnt gegeneinander, macht daraus eine spannende Geschichte.

David Peace ist ein Autor mit radikalem, durchaus gewöhnungsbedürftigem Stil. Er zerlegt seine stets gründlich recherchierten Themen in kleinteilige Puzzlestücke, die seine Leser dann zusammenfrickeln müssen. Er arbeitet mit Wiederholungen, mit vielen Dialogen, er rhythmisiert seinen Text. In „GB84“ verzichtet Peace zudem weitgehend auf eine Plot-Konstruktion. Die wäre auch fehl am Platz, ist doch der Ausgang des Streiks bekannt. Stattdessen zeichnet Peace ein Bild, das die Korruption, die harten Fronten, den politischen Zynismus jener Zeit mit der ihm eigenen Intensität in Szene setzt und daraus ein dunkel glänzendes Stück Literatur macht.

David Peace: GB84. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind-Verlag, 539 Seiten, 24,80 Euro.

© Frank Rumpel

SWR 2

 

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