Daniel Woodrell: In Almas Augen

 

knvmmdb-24.dllEine Tanzveranstaltung im ländlichen Missouri des Jahres 1929 steht im Mittelpunkt von Daniel Woodrells so elegant wie klug komponiertem Roman „In Almas Augen“. Es ist ein schöner Sommertag, die Weltwirtschaftskrise noch ein paar Monate entfernt. Von überall her strömen die Menschen in die Arbor Dance Hall von West Table zu einem ausgelassenen Tanzabend, als dort eine gewaltige Explosion 42 Menschen in den Tod reißt und viele andere verstümmelt.

Als es ganz dunkel war, verwandelten sich die fröhlichen Klänge plötzlich in einen Alptraumchor aus Flehen, Entsetzensschreien und Kreischen. Flammen loderten auf, Ziegelsteine fielen vom Himmel und dicke Balken erschlugen jene, die zu Boden geworfen worden waren. Viele Einwohner traten vor die Türen, standen alarmiert und stumm da, rannten dann los, stolperten wild und konfus auf das hochspringende Licht zu, das sich in die Nacht fraß.

Die Haushälterin Alma de Geer Dunahew verliert in dem Inferno ihre Schwester Ruby. Beide stammen aus ärmsten Verhältnissen. Während Alma sich als Haushälterin in der Familie des örtlichen Bankdirektors verdingt, ließ sich die hübsche Ruby von wohlhabenden Männern aushalten – darunter auch der verheiratete Bankdirektor von West Table.

Sie trennte sich von einem Mann nach dem anderen, sobald deren Gelüste oder Pläne zu kompliziert wurden oder ihre eigene Tanzkarte schon mit neuen Liebhabern voll war, die noch spendabler waren.

Rubys Tod ist für Alma ein schwerer Schlag, zumal sie weiß, wer für die Tat verantwortlich ist. Nur will davon in West Table niemand etwas wissen. Alma wird für verrückt erklärt und von Vielen gemieden. Dabei ist Alma mit ihrem Wissen nicht allein. Eine ehemalige Bewohnerin von West Table sagt:

Wir alle wissen, wer in jener Nacht in die falsche Richtung verschwand. Als die Dance Hall explodierte, sind in der Stadt alle, die rennen konnten, zum Feuer geeilt und haben geholfen, bis auf diesen einen großen Mann, mit weißem Anzug und Krawatte, der im Feuerschein dabei beobachtet wurde, wie er über Zäune gesprungen und ganz verzweifelt durch die Hinterhöfe geflohen ist.

Geschickt legt der 1953 geborene, in Missouri lebende Daniel Woodrell, der auch hierzulande mit seinem großartigen Roman „Winters Knochen“ bekannt wurde,  sein vielstimmiges Erzählnetz aus. Im Mittelpunkt steht Almas Familiengeschichte. Denn dies ist auch die Geschichte des Ich-Erzählers – Almas Enkel. Ihm vertraut sie sich fast 40 Jahre später an. Da ist der namenlose Erzähler gerade 12 Jahre alt.

In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten. Alma De Geer Dunahew war mit ihrer verkniffenen, feindlichen Natur, ihren dunklen Obsessionen und ihrem grundlegenden Verlangen nach Rache das große rote Herz unserer Familie, das wir geheim hielten und das uns Kraft gab. Es vergingen Jahre, bis ich lernte, sie zu lieben.

Als Erwachsener schreibt Almas Enkel die Geschichte auf, lässt Alma zu Wort kommen, spürt Gerüchten nach, zitiert aus Berichten einer viele Jahre nach dem Attentat angesetzten Untersuchungskommisssion und lässt Zeugen von einzelnen Schicksalen erzählen.

Da waren nicht nur die Toten, Junge, da waren auch die Verstümmelten. Die konnte man dann später häufig die Straße entlanghumpeln sehen. Aber dann kam der nächste Krieg und vernarbt zu sein, war bald nicht mehr das Schlimmste, das einem passieren konnte. Larry hatte fast nichts mehr, was man noch einen Körper nennen konnte, bis auf den Rumpf und einen verkochten Arm. Irgendwann um 1935 herum ist er einen Hügel hinunter in den Bach gerollt. Ich hab mich für ihn gefreut.

Woodrells Erzähler umkreist das Ereignis, fügt ihm immer neue Facetten und Blickwinkel hinzu, fängt Biographien mit wenigen Strichen ein, spürt der fragilen Gesellschaftsordnung in West Table nach. Dort legten die Wohlhabenden und Mächtigen in den Jahren nach dem Anschlag mehr Wert auf ihre in der Wirtschaftskrise gefährdeten Besitzstände, als auf die Aufklärung des Verbrechens.                                                      Woodrell ist, das hat er schon mehrfach gezeigt, ein sensibler Erzähler, der seinen Figuren mühelos nahe kommt, aus ihnen glaubhafte Charaktere macht. Wie er die Zeit einfängt, die dräuende Wirtschaftskrise zwar im Hintergrund lässt, die daraus erwachsende Not, die existentielle Angst aber in seine Geschichte flicht, ist große Klasse. Leichtfüßig und gewitzt erzählt er auf knapp 200 Seiten eine eindringliche Geschichte von kleingeistigen Egomanen und einer Tragödie, die eine Kleinstadt für Jahrzehnte traumatisiert. Ein leiser und doch wuchtiger Roman.

Daniel Woodrell: In Almas Augen. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind-Verlag, 188 Seiten, 16,90 Euro.

© Frank Rumpel

SWR 2

 

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