Keigo Higashino: Heilige Mörderin

9783608980127Der japanische Autor Keigo Higashino hat so etwas wie den modernen – Verzeihung – Miss Marple-Krimi erfunden. Der Vergleich hinkt, drängt sich beim Lesen aber immer wieder auf. Higashinos Miss Marple heißt Manabu Yukawa und ist ein streng analytisch vorgehender Physikprofessor in Tokio. Gelegentlich hilft er der Polizei bei Ermittlungen, wenn die sich an einem Fall mal wieder die Zähne auszubeißen droht. In Higashinos neuem Roman „Heilige Mörderin“ bittet ihn die Polizistin Utsumi um Hilfe.

Als sie schon an der Tür war, rief Yukawa ihr nach. „Den Tatort zu besichtigen wäre sicher schwierig, aber vielleicht könnte ich Fotos sehen?“                                                      „Fotos wovon?“                                                                               „Von der Küche, in der der vergiftete Kaffee gekocht wurde.“                                                Utsumi machte große Augen. „Sie werden mir also helfen?“                                               Yukawa verzog das Gesicht und kratzte sich am Kopf. „Wenn ich Zeit habe, kann ich ja mal ein bisschen überlegen, wie jemand, der sich in Hokkaido aufhält, es anstellen könnte, jemanden in Tokio zu vergiften.“

Einen astreinen Rätselkrimi hat der heute 56-jährige Keigo Higashino da geschrieben. Wobei es bei ihm nicht darum geht, herauszufinden, wer denn nun die Mörderin ist. Das ist von Anfang an bekannt. Viel mehr geht es um die Frage: Wie hat sie es bloß angestellt?                                                                                                                                          Ayane Mashiba heißt die schöne Mörderin, die ihren Mann Yoshitaka mit Arsensäure ins Jenseits befördert hat. Dieser wird tot in der gemeinsamen Wohnung in Tokio gefunden, neben ihm eine Tasse Kaffee, in der das Gift war. Die Polizei geht zunächst von Selbstmord aus. So sinniert der Polizist Kusanagi leichthin:

Solche reichen Leute haben sicher öfter Gäste. Allerdings ist das noch lange kein Grund sich umzubringen. Die Menschen sind kompliziert und voller Widersprüche. Ob nun kurz vor einer Party oder nachdem man im Restaurant einen Tisch reserviert hat – wer sterben will, stirbt.

Allerdings wird schnell klar, dass es wohl eher Mord war. Nur: Wie gelangte das Gift in den Kaffee? Seine Frau war, als es passierte, bei ihren Eltern auf der rund 1000 Kilometer von Tokio entfernten Insel Hokkaido. Am Abend vor Ayanes Abreise gab das Paar eine kleine Party und deren Besucher verließen das Haus alle unversehrt. Die Polizei findet keinerlei Spuren, weder im Kaffeepulver noch im Mineralwasser, nicht im Wasserkocher und nicht in der Wasserleitung.                                                                           Nach und nach fächert Higashino das Leben der Beteiligten auf, fügt immer neue Mosaiksteinchen hinzu, die da im Laufe der polizeilichen Ermittlung ans Licht kommen. So hatte Yoshitaka eine Geliebte, die von ihm schwanger war. Die Geliebte ist die beste Freundin und Schülerin seiner Frau in einem Zentrum für Stoffkunst. Von seiner Frau, mit der er gerade mal ein Jahr verheiratet war, wollte sich Yoshitaka trennen – weil sie keine Kinder bekommen konnte. Dabei, sagt der Vorgesetzte des Ermordeten, sei Ayane doch die perfekte Ehefrau gewesen.

Sie hatte aufgehört, außer Haus zu arbeiten, um sich ganz dem Haushalt zu widmen. Wenn Mashiba freihatte, saß sie den ganzen Tag auf dem Sofa im Wohnzimmer und nähte. Er wusste das überhaupt nicht zu schätzen. Für ihn war eine Frau, die keine Kinder bekam, offenbar so überflüssig wie ein Blumentopf.

Seine Geschichte hat der gelernte Ingenieur Higashino raffiniert arrangiert, im gesamten Text Spuren und Hinweise ausgelegt, und was da lange nach einem perfekten Mord aussieht, entpuppt sich am Ende als eine im positiven Sinne ziemlich schräge Geschichte. Allerdings ist Higashino kein Autor, der es üppig und bildhaft mag. Er konzentriert sich gern aufs Wesentliche, das er kühl und kalkuliert, mit eher zurückhaltendem Humor in Szene setzt. Bei ihm gibt es keine besonders ausgefeilte Figurenzeichnung, keine tiefsinnigen Dialoge. Vielmehr wolle er, sagte Higashino in einem Interview, die Leser permanent mit seinen Ideen überraschen. In diesem Fall heißt das wohl: Welche Finten nutzt die Mörderin? Und welche wahnwitzigen Theorien entwickelt der Physikprofessor?Higashinos Roman folgt einem voraussehbaren Ablauf, einer etwas trögen, fast laborhaften Anordnung, in die der Autor seine Geschichte packt. Und darin erzählt er von ziemlich verschrobenen Charakteren, die bereit sind, für ihre Vorstellung vom Leben radikale Entscheidungen zu treffen. Diese zunehmend konkreter werdenden Abgründe sind es dann auch, die den Roman trotz seiner allzu klaren Linie spannend und unterhaltsam machen. Ein Phänomen, dieser Keigo Higashino.

Keigo Higashino: Heilige Mörderin. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Klett-Cotta-Verlag, 316 Seiten, 19,95 Euro.

© Frank Rumpel

SWR 2

 

 

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