Arne Dahl: Neid

6e562b4090Seine Heimat Schweden, sagt der Autor Arne Dahl im Gespräch, sei ihm als Romanschauplatz mit den Jahren einfach zu klein geworden. Das deutete sich bereits in den letzten Romanen seiner ersten, elfteiligen Serie an. In seiner neuen, auf vier Bände angelegten Reihe erzählt er nun von einer Art europäischem FBI. Opcop hat er diese Europol-Einheit genannt, die sich mit internationalem, organisierten Verbrechen beschäftigt. Um gigantische Finanzspekulationen ging es im ersten, um Genforschung und eine wilde Mörderjagd quer über den Globus im zweiten, um organisierten Menschenhandel nun im dritten Band. Dazu sagt Arne Dahl:

Ich hatte genug, von den einfachen Verbrechen zu erzählen. Ich wollte versuchen, die große, organisierte Kriminalität wenigstens ein bisschen zu verstehen. Und diese große Kriminalität ist eben immer international. Aber die Polizei in Europa ist es nie. Da sind immer diese nationalen Begrenzungen.“

Diese Begrenzungen hebt er in seiner Fiktion auf. Dahls Opcop-Gruppe kann operativ über Ländergrenzen hinweg tätig werden und zudem reichlich Datenmaterial nutzen. Mit dieser Idee greift Arne Dahl der Realität nur sacht vor, denn über eine solche operative Europol-Einheit wird seit langem diskutiert.

Es ist ein Risiko“, sagt Dahl nach den realen Anknüpfungspunkten gefragt. „Im Grunde dasselbe Risiko, wie mit dem FBI in den USA, wo es eine Polizei mit etwas zu viel Macht ist. Aber sollen wir diese grenzüberschreitende Kriminalität einfach gewähren lassen und sagen, wir können nichts dagegen tun? Manchmal arbeitet die Polizei ja zusammen, die schwedische und deutsche Polizei zum Beispiel, aber nicht organisiert, nicht mit der Möglichkeit, über Grenzen zu fahren. Ich habe eigentlich keine Antwort. Aber vielleicht wäre es gut, eine nähere Zusammenarbeit wenigstens zu versuchen. Im Kriminalroman muss es natürlich etwas übertrieben sein, aber vielleicht steckt da doch ein bisschen Wahrheit drin.“

Im aktuellen Fall sind die Ermittler einer internationalen Bettler-Mafia auf der Spur. Die Organisation kauft in rumänischen Heimen mittellose Roma und schickt sie in europäischen Städten zum Betteln auf die Straße. Ein einträgliches Geschäft, über dessen Ausmaße selbst die hart gesottenen Polizisten erschrocken sind. Das ist Menschenhandel wie im Mittelalter. In unserer Gesellschaft existieren Parallelgesellschaften, die glasklar den Wertekonzepten des Mittelalters verschrieben sind. In diese Welten sind weder die Renaissance noch die Aufklärung vorgedrungen“, sagt da Paul Hjelm, Chef des Opcop-Teams.

Ihn habe die Frage interessiert, sagt Arne Dahl, ob sich über die Bettler Europas etwas sagen lasse. „Es sind ja viele und man hat das Gefühl, dass sie irgendwie organisiert sind. Das war der Ausgangspunkt und viel Recherche, fast ein bisschen Polizeiarbeit. Eine Frage war dabei auch: Gibt es Verbindungen zu anderen Arten von Menschenhandel. So hat das Buch begonnen. Es fängt immer authentisch an, aber dann wird es Fiktion.“

Die Polizisten observieren drei Drahtzieher der Bettler-Mafia in Amsterdam. Doch trotz hoch gerüsteter Abhörtechnik sind die Ergebnisse lange dürftig, weil die listigen Kriminellen weder Handys noch Computer nutzen. „Die verarschen uns, indem sie primitiv sind“, bringt es eine der Polizistinnen auf den Punkt.                                                                                                          Derweil treibt den Opcop-Chef ein zweiter Fall um. Die EU-Kommissarin für Umwelt hat ihn um Hilfe gebeten. Sie wird er-presst, weil sie einen weitgreifenden Gesetzentwurf plant: In den Städten sollen Autos mit Benzin- und Dieselmotoren verboten werden. Stattdessen will sie Elektromobilität stark fördern. Sie steht mit einem Forscherteam in Verbindung, das an der technischen Lösung arbeitet: die einfache und billige Speicherung von Energie in Batterien. Doch das Vorhaben ruft mächtige und gut vernetzte Feinde auf den Plan.                                                                                                                                            Der Kopf der Forschergruppe wird auf offener Straße ermordet. Ein blinder, rumänischer Bettler, der zufällig am Tatort ist, schnappt sich das zu Boden gefallene Handy des Opfers, ohne zu wissen, dass der Professor darauf wichtige Forschungsergebnisse gespeichert hat. So verbindet Dahl zunächst beide Fälle miteinander.

Darüber hinaus liefert der 1963 geborene Autor in seinem aktuellen Roman kluge Analysen einer neoliberalen Gesellschaftsordnung und einige kritische Einblicke ins politische System Europa, inklusive dem Erstarken rechtsextremer Parteien und Organisationen – ohne dass er darüber vergessen hätte, einen Thriller zu schreiben.      Das ist ihm diesmal deutlich besser gelungen, als in den ersten beiden Bänden der Reihe. Denn da war die Opcop-Truppe noch geheim und musste ihre Fälle aus unscheinbaren Indizien selbst zusammenklauben – das wirkte stets etwas bemüht. Im aktuellen Band ist sie von Anfang an in einer laufenden Ermittlung, was weitaus stimmiger daher kommt. Auch Dahls Erzählton ist nicht mehr so verbissen, sondern leicht und humorvoll. „Gerade sitze ich an einem Krimi“, lässt er da einen erfolglosen Schriftsteller sagen. „Es gibt kein geeigneteres Genre, um von der Kulturelite verachtet zu werden.

Arne Dahl weiß davon ein Lied zu singen. Schließlich veröffentlichte er zunächst unter seinem bürgerlichen Namen Jan Arnald, bevor er als Arne Dahl ins Krimifach wechselte. Es war damals eine Entdeckung, dass ich nicht mehr dieselben Bücher wie früher schreiben wollte“, sagt Dahl. „Ich wollte über die Gesellschaft schreiben und sie kritisch analysieren. Es war ein ziemlich großer Schritt von den mehr introspektiv, psychologischen Themen (eines Jan Arnald) zu den (eher handlungsbetonten) Kriminalromanen. Der Schritt war so groß, dass ich merkte: Ich brauchte einen anderen Namen. Es ist ein anderer Autor und das musste ich zeigen. So gab es von Anfang an einen großen Unterschied zwischen den beiden Autoren, aber jetzt ist er nicht mehr ganz so groß. Ich habe versucht, diese zwei so verschiedenen Sphären ein bisschen zu vereinen, aber das war schwieriger, als ich dachte.“                                                                                                          Das Krimigenre schien ihm damals und scheint ihm heute noch das Richtige für sein Vorhaben zu sein. „Kriminalliteratur bedeutet für mich eine besondere Methode, eine Geschichte zu erzählen. Man erzählt schnell, intensiv, kompliziert, mit einem Rätsel. Aber natürlich ist es auch eine wirklich gute Methode, kritisch von der Gesellschaft zu erzählen, weil die Polizei eben einen Blick in alle Gesellschaftsschichten werfen kann und weil Verbrechen viel von einer Gesellschaft zeigen.“                                                                    In „Neid“ hat Arne Dahl die Klischeekanten seiner Protagonisten noch einmal deutlich abgeschliffen. Nicht ganz einfach, bei einer multinationalen Truppe und dem vielleicht etwas zu großen Anspruch, die Figuren mit ihren kulturellen Unterschieden kenntlich zu machen und damit auch von Europa zu erzählen. Davon abgesehen beeinflusst die Arbeit mit einem so großen Figurenpark laut Dahl stets auch die Geschichte. „Für eine solche Kollektiverzählung braucht man einen komplexen Fall und mehrere Erzählfäden. Ich persönlich müsste nicht immer diese große Komplexität in den Erzählungen haben, aber ich muss das machen, weil ich so viele Leute habe.“ Dass nun noch immer alle Frauen im Team Mitte Dreißig und verdammt gutaussehend sind – geschenkt. Für den Erfolg einer künftigen Verfilmung ist das sicher hilfreich.                                                                              Dahl hat hier eine komplexe Geschichte geschrieben und reale Verhältnisse klug zugespitzt. Das passt, ganz im Gegensatz zum Vorgängerroman „Zorn“, in dem er weit übers Ziel hinaus schoss. „Neid“ ist ein mit etlichen virtuosen, erzählerischen Details versehener, vielstimmiger Kriminalroman – der mit Abstand gelungenste in seiner neuen Reihe. Und dass dem produktiven Arne Dahl mal die Ideen ausgehen, ist wohl nicht zu befürchten. „Es gibt immer neue Geschichten“, sagt er. „Das ist etwas, das ich gelernt habe. Und manchmal versucht man ja, als Erzähler etwas extrem zu sein, aber die Wirklichkeit ist immer extremer. Es gibt Ereignisse, die man überhaupt nicht erfinden kann. Die Wirklichkeit ist größer, als die Phantasie, wie dunkel die Phantasie auch immer sein mag.“ Das kann man ruhig mal so stehen lassen.

 

Arne Dahl: Neid. Deutsch von Kerstin Schöps. München: Piper Verlag, 510 Seiten, 16,99 Euro.

© Frank Rumpel

erschienen bei http://www.culturmag.de

 

 

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