Heinrich Steinfest: Der Allesforscher

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Es ist kein Kriminalroman, den der in Wien aufgewachsene, seit vielen Jahren in Stuttgart lebende Autor Heinrich Steinfest da geschrieben hat. Das ist wenig überraschend, zeichnete sich diese Entwicklung doch schon seit längerem in seinen Romanen ab. Den Schritt weg vom Genre scheint er nun endgültig vollzogen zu haben – aber das ist ganz sicher kein Makel. Im Gegenteil: In „Der Allesforscher“ ist der Erzähler Steinfest stark wie nie.

Am Anfang steht ein explodierender Wal. Ein Pottwal ist in Tainan gestrandet, einer Stadt im Südwesten Taiwans. Dieser Wal wird gerade auf einem Lastwagen abtransportiert, als er eben – explodiert. Seine Innereien treffen den Ich-Erzähler Sixten Braun am Kopf. Der Wal knockt ihn aus. Wie Steinfest auf diese Szene kam, erzählt er im Interview:

„Bei mir ist das ja immer so: Ich habe eine dramatische Ausgangssituation, die Urquelle der Geschichte, die nicht nur die Hauptfigur in einen Strudel reißt, sondern auch sein Wesen, seine Psyche stark verändert, ihn verwandelt. Und ich brauchte eben wieder einen solch dramatischen Beginn. Der Wal ist an sich ja schon ein symbolhaftes Wesen und ich hatte wirklich die Idee eines explodierenden Wales ohne zu wissen, wie realistisch das ist. Dann erst habe ich zu recherchieren begonnen und habe gesehen, dass es schon mal einen Wal gab, der mitten in einer Stadt explodiert ist. Dieses reale Ereignis für meine fiktive Geschichte zu nehmen, darauf konnte ich nicht verzichten.“

Steinfests Protagonist Sixten Braun ist als Manager einer deutschen IT-Firma in Taiwan, als ihn der Wal trifft. Im Krankenhaus verliebt er sich in seine Ärztin Lana Senft, eine deutsche Neurologin. Kaum genesen muss Sixten Braun geschäftlich nach Japan. Auf dem Rückflug nach Taiwan stürzt sein Flugzeug ab. Er überlebt nur knapp, wird gerettet und heim nach Köln ausgeflogen. Dort beschließt er, ein neues Leben zu wagen. Er zieht nach Stuttgart – und wird Bademeister im Bad Berg.

Am Ende meiner Überlegungen schälte sich das eine markante Bild heraus, nämlich ein Mann zu sein, der im Meer nicht untergegangen war. Wäre es da nicht besonders passend, wenn ich in Zukunft versuchte, auch andere vor dem Untergehen zu bewahren?

So wunderbar einfach klingt eine biographische 180-Grad-Wende in diesem Roman. In Stuttgart erfährt Sixten Braun, dass die Neurologin Lana Senft an einem Hirntumor starb und ein Kind hinterließ. Das taiwanesische Konsulat kontaktiert Braun als wahrscheinlichen Vater des siebenjährigen Jungen. Der nimmt ihn zu sich, wenngleich schnell klar wird, dass der Junge seiner asiatischen Züge wegen nicht sein Sohn sein kann.
Das alles passiert im ersten Drittel des Romans und mag in der gerafften Form ein wenig gehetzt und oberflächlich klingen. Steinfest aber verbindet die Ereignisse nachvollziehbar. Das liegt freilich auch an seinen Figuren, die stimmig gezeichnet sind, allen voran sein Protagonist Sixten Braun. „Ich habe nicht das Gefühl, ich schaffe meine Figuren, sondern ich beschreibe sie. Und ich beschreibe ihre Verwandlung“, sagt Heinrich Steinfest. Und zu dieser Verwandlung gehört eben auch Sixten Brauns plötzliche Vaterschaft, „gegen die er sich erst sträubt und dann in dieser Vaterschaft eine große Befreiung entdeckt, in dieser Beziehung zu diesem besonderen Kind.“
Denn Simon leidet an einer Form von Autismus. Er spricht nur in einer Phantasie-sprache. Mit seinem Ziehvater versteht er sich dennoch prächtig. Er hat andere Kommunikationswege. So kann er klettern, wie eine Bergziege. Vor allem aber ergründet er das Wesen der Welt mit feinsinnigen Zeichnungen – er ist ein stiller Allesforscher.
Auf einem gemeinsamen Ausflug in die Berge treffen die beiden auf Auden Chen. Auch er änderte sein Leben radikal. Sie freunden sich an und erfahren doch nie, was sie eigentlich verbindet: Auden Chen ist der Vater von Simon. Auch er war mit der Neurologin Lana Senft zusammen. Das ist der grobe Rahmen, in den Steinfest noch viele weitere Geschichten eingewoben hat. Eine führt zum Kern des Romans. Sixtens Freundin überredet ihn zu einem Urlaub in den Bergen und zwar an jenem Ort, an dem einst seine Schwester beim Klettern tödlich verunglückte. Sixten war noch nie dort, versuchte all die Jahre, jede Erinnerung daran zu verdrängen.

„Es gibt ja nichts, was fundamentaler ist, als die Angst“, sagt Heinrich Steinfest. „Die Angst vor bestimmten Dingen, die Angst vor der Angst selbst, die Angst auch vor der Fragilität des Lebens und darum dreht sich diese ganze Geschichte. Für Sixten Braun ist es die Möglichkeit, über das Kind das eigentlich verdrängte Verhältnis zu seiner Schwester neu zu beleuchten. Ich sage ja im Nachwort, dass er begreift, dass es nicht darum geht, die Angst zu überwinden, sondern mit der Angst ein Paar zu bilden.“

Und um diese Angst denn auch fassen zu können, spielt im Roman der Traum als Bildgeber des Un- und Unterbewussten eine wichtige Rolle. Nun ist es ja häufig ziemlich öde, wenn Autoren von Träumen erzählen. Hier aber ist der Traum tatsächlich wichtiger Bestandteil der Geschichte, weil Steinfest damit die Lebenden und die Toten zusammenbringt.
„Ich glaube“, sagt er, „dass hier Traum und Realität zwei Ebenen bilden. Sie sind nicht vermischt. Es ist ja nicht so, dass man plötzlich nicht mehr weiß, was Realität und was Traum ist. Diese Ebenen sind klar definiert und sie hängen miteinander zusammen. Und ich würde nicht sagen, es ist eine phantastische Geschichte. Es ist vor allem eine Auseinandersetzung mit Realitäten.“
Dennoch gibt der Vollbluterzähler Steinfest hier seinem Hang zum sacht Phantastischen ebenso Auslauf, wie seiner Vorliebe für Skurriles, dem er in so manch verborgenem Alltags-Detail sprachlich elegant nachspürt. Bei welchem Autor ist ein Lächeln sonst „wie eine kleine, feine Schlagzeile, etwas wie: Sparzinsen steigen wieder.“?
In seinem Roman verbindet Steinfest mühelos all die Geschichten zu einem dichten Ganzen, macht daraus ein lebenskluges Stück Literatur. Dabei behält er das hohe Erzähltempo der ersten 100 Seiten nicht bei. Im zweiten und dritten Teil des Buches nimmt er deutlich Tempo raus, der Erzähler wechselt, der Ton wird etwas ruhiger, die Geschichte ernster. Das mag auch daran liegen, dass der Roman nicht, wie sonst bei Steinfest, in einem Rutsch, sondern über einen längeren Zeitraum entstand, neue Prioritäten und Blickwinkel berücksichtigt sein wollten. Nach dem recht untypischen Romanvorgänger „Das himmlische Kind“ besinnt sich Heinrich Steinfest in „Der Allesforscher“ wieder mehr auf alte Stärken, allem voran: auf eine üppige, schillernde Geschichte.
„Der Allesforscher“ ist ein – sieht man mal vom etwas arg rosarot umwölkten Schluss ab – großartiger Roman, einer der besten und ambitioniertesten, den der so vielseitige Heinrich Steinfest bisher geschrieben hat. Kein Kriminalroman, wie gesagt, wobei Steinfest, wie er in einem früheren Gespräch anmerkte, den Kriminalroman keineswegs als eine überwundene Kinderkrankheit empfindet. Aber die Form hänge nunmal vom Stoff ab. „Und die Themen, die mich im Moment interessieren, sind de facto krimifreie Themen.“
Als kleine grafische Dreingabe, durfte sich im aktuellen Roman nun auch endlich mal der Maler Steinfest zeigen: Das Cover ist von ihm und im Text verteilt finden sich kleine, parallel zum Schreibprozess entstandene Vignetten, keine Illustrationen, sondern eher mikrobenartige Ornamente, freundlich fremd anmutende Wegzeichen.

Heinrich Steinfest: Der Allesforscher. Piper-Verlag, 398 Seiten, 19,99 Euro.

© Frank Rumpel

erschienen auf http://www.culturmag.de

 

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