Wolfgang Schorlau: Am zwölften Tag

9783462045475_5Georg Dengler war etliche Jahre Zielfander beim Bundeskriminalamt. Nach einem traumatischen Erlebnis, stieg er aus. Seither verdient er sein Geld als privater Ermittler in Stuttgart. Seinen Protagonisten ließ der Autor Wolfgang Schorlau bisher unter anderem in den Niederungen der Pharmaindustrie und zwischen Wasserspekulanten ermitteln. In seinem siebten Fall geht es um die Fleischindustrie. Und die, schreibt Schorlau im Nachwort zu seinem Roman, habe „sich ihren miserablen Ruf hart erarbeitet. Die Wirklichkeit ist jedoch vielfach noch schrecklicher als die übelsten Phantasien“.                                                                                                                               Diesmal muss Schorlaus Privatdetektiv Georg Dengler nach seinem verschwundenen, 18-jährigen Sohn Jakob suchen. Laut seiner Ex-Frau wollte der mit Freunden nach Barcelona fahren, hat sich aber seit Tagen nicht gemeldet. Dengler beginnt nachzuforschen und merkt bald, dass er seinen bei der Mutter lebenden Sohn kaum kennt. Jakob ist inzwischen engagierter Tierschützer. Zusammen mit Freunden filmt er im Namen einer Tierschutzorganisation heimlich in Tiermastbetrieben und Schlachthöfen, um mit dem Material die industrialisierte Fleischproduktion öffentlich anzuprangern.                                                                                                                               Anstatt nach Barcelona, sind die Freunde zu einem Bauernhof bei Oldenburg gefahren, um dort in einer Putenmastanlage zu filmen. Doch ihr Vorhaben misslingt. Sie werden geschnappt und auf dem Hof festgesetzt – und zwar von Rockern. Rocker sind es auch, die dort als Subunternehmer in den Fleischmarkt drängen. Sie organisieren die illegal ins Land geschleusten Arbeiter aus Bulgarien und Rumänien, die in den Schlachthöfen unter schlimmsten Bedingungen schuften. Die Fleischindustrie, schreibt Schorlau, habe es geschafft, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit in Deutschland eine Billiglohnhölle für Arbeitsmigranten aus Rumänien und Bulgarien zu schaffen. Von einem dieser Arbeiter erzählt der Stuttgarter Autor in einem parallel laufenden Strang.

Sie haben Kimi 1200 Euro im Monat versprochen. Auf die Hand. Ein Essen am Tag umsonst. Freie Unterkunft. Nun ziehen sie jedem von ihnen 7 Euro Miete für das Bett ab, in dem sie schlafen. Pro Tag. Zwölf Männer in einem Raum. Es ist eine alte Kaserne, mit Zaun und Stacheldraht, mit einem Wachhäuschen und einem Wachmann. Die Deutschen, sagte Adrian, stecken andere gern in ein Lager. Das ist so in ihnen drin. Kimi ist das egal. Er will hier arbeiten, hart arbeiten. Er braucht das Geld. Aber sie haben seit zwei Monaten keines bekommen.

Zwischen diese Erzählstränge – also die Ermittlung Denglers, die auf dem Bauernhof festgesetzten Jugendlichen und die Geschichte eines rumänischen Arbeiters – hat Wolfgang Schorlau den abgefeimten und völlig moralfreien fiktiven Monolog eines großen Fleischfabrikanten montiert, der munter drauflos schwadroniert.

Vor einem halben Jahr habe ich die neue Schlachterei für Puten eröffnet. Heute schlachten wir in dem Werk 40 000 Puten. Und zwar: jeden Tag. Mit dem neuen Werk gelang es uns, die Selbstkosten pro Pute auf unter einen Euro zu drücken. Das ist ein sensationeller Wert, den niemand außer mir in Europa erreicht. Er beschert mir einen Gewinnsprung von 0,17 Euro pro Pute. Zusammen mit den staatlichen Fördermitteln habe ich in drei oder vier Jahren die neue Fabrik bezahlt.

Der 62-jährige Schorlau hat seine aktuelle Geschichte rasant, mit knappen, eng aneinander geschnittenen Szenen inszeniert, die sich da über zwölf Tage hinweg von Stuttgart über Oldenburg bis nach Barcelona spannen. Er hat, wie immer, sein Thema umfangreich und gründlich recherchiert und obwohl vieles schon reichlich ventiliert wurde, doch noch allerhand erschreckende Details zusammengetragen und arrangiert.
Dennoch ist die Geschichte, die Schorlau aus diesem Stoff entwickelt hat, diesmal nicht wirklich überzeugend. Sie ist ihm zu absehbar geraten, ist zu offensichtlich um die Fakten herum gebaut. Manche Szenen wirken hölzern, die eine oder andere Wendung wenig überraschend, der Plot etwas bemüht, einige Figuren sind zu eindimensional oder zu grell gezeichnet.
Doch auch wenn ihm diesmal die dramaturgische Zuspitzung seines Stoffes nicht so ganz geglückt und „Am zwölften Tag“ sicherlich nicht sein stärkster Roman ist, hat der Stuttgarter Autor darin dennoch einige Kapitel versammelt, bei denen es jedem Fleischesser flau werden kann. So ging es wohl auch Schorlau selbst, der seit seinen Recherchen, wie er in seinem Nachwort schreibt, um jede Fleischtheke und jede Tiefkühltruhe im Supermarkt einen großen Bogen macht.

Wolfgang Schorlau: Am zwölften Tag. Kiepenheuer und Witsch, 336 Seiten, 9,99 Euro.

© Frank Rumpel

in ähnlicher Form auf SWR 2 gesendet

 

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