Christine Lehmann: Die Affen von Cannstatt

1195xUm Menschen und um Affen, genau genommen, um die Bonobos in der Stuttgarter Wilhelma geht es in Christine Lehmanns aktuellem Roman. Die Affen zuerst.

Bonobos leben im Matriarchat und bringen in freier Wildbahn mehr Babys durch als Schimpansen oder Gorillas. Denn bei den Bonobos sind nicht die starken Männer, sondern die Mütter die Ersten am Futter.

Das sagt die Protagonistin Camilla Feh. Die junge Frau beschäftig-te sich für eine Semesterarbeit während ihres Soziologiestudiums mit dem Verhalten der Bonobos in der Wilhelma. Das wird ihr einige Jahre später zum Verhängnis, als ihr Ex-Freund tot in eben jenem Affenkäfig gefunden wird. Aufgrund der Spurenlage geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass sie den Mann nachts dort eingesperrt und so getötet hat. Deshalb sitzt sie im Frauengefängnis Schwäbisch Gmünd in Untersuchungshaft – unschuldig, wie sie behauptet.

Ich bin in Frieden aufgewachsen. Mit meiner Schultüte im Arm bin ich in eine berechenbare Welt aufgebrochen. Wenn auch unter dem Schatten meiner Mutter. Man hat mir beigebracht, mich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen, ihn zu verstehen, bevor ich ihn verurteile.

Monate gehen ins Land, während Camilla auf ihren Prozess wartet. In der Haft schreibt sie an einer Verteidigungsschrift. Darin sammelt sie persönliche Erinnerungssplitter, die zeigen sollen, dass sie unschuldig ist. Parallel dazu erzählt sie in einem Tagebuch vom Knastalltag und davon, was das Eingeschlossensein mit einem macht.

Unfreiheit zerstört den Respekt vor sich selbst. Ich verliere die Kontrolle über mich. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich hadere. An manchen Tagen mache ich Gymnastik bis zur Erschöpfung. Beim Hofgang jogge ich eine Stunde im Kreis. Ich bin die Irre, die sich nicht einlässt auf den Alltag. Sie grinsen über mich, sie flüstern hinter mir.

Das kennt sie schon aus Kindertagen. Denn Camilla Feh ist die Tochter einer Kindsmörderin. Vier ihrer Geschwister hat die Mutter umgebracht und deren Leichen irgendwo vergraben. Als Dreijährige kam Camilla zu Pflegeeltern in Cannstatt, bei denen sie es gut hatte.
Es ist eine ungewöhnliche Erzählperspektive, die die 1958 geborene SWR-Nachrichtenredakteurin Christine Lehmann für ihren elften Kriminalroman gewählt hat. Denn erzählt wird er ausschließlich über die Notizen der Protagonistin. Und das funktioniert gut, weil Lehmann ihr nahe kommt, einfühlsam ist und dennoch analytische Distanz wahrt.
An der Oberfläche spiegeln sich in dieser Geschichte zwei Gefängnissysteme – Zoo und Knast. Aber das ist nur ein dünner Verbindungsfaden, den Lehmann auch kaum belastet. Wichtiger ist da schon die matriarchale Gesellschaftsstruktur der Bonobos und deren scheinbar fürsorgliche Mutter-Kind-Beziehung – ein Thema, mit dem sich Camilla fortwährend auseinandersetzt. Vor allem aber geht es um ihren Gefängnisalltag, unser Rechtssystem und die Mechanismen in einem Indizienprozess.

Das psychologische Gutachten hat mich vernichtet. Wie wenig doch genügt, um jemanden zu verurteilen: nur Worte und eine in sich schlüssige Fiktion.

Mit verantwortlich für Camillas Situation ist Christine Lehmanns Serienfigur Lisa Nerz. In bisher zehn Romanen stand die zupackende Schwabenreporterin als Ich-Erzählerin im Mittelpunkt. Nerz ist diesmal nicht die Hauptfigur und spielt dennoch eine wichtige Rolle. Denn sie war es, die mit einem Tipp an die Staatsanwaltschaft dafür sorgte, dass Camilla verhaftet wurde. Camilla ist auf Lisa Nerz deshalb auch nicht gut zu sprechen, bezeichnet sie in ihren Aufzeichnungen nur als Hyäne. Allerdings kommen Lisa Nerz bald Zweifel an Camillas Schuld und so setzt sie zusammen mit ihrem Freund, dem Stuttgarter Oberstaatsanwalt Richard Weber in aufwändigen Recherchen alles daran, Beweise für deren Entlastung aufzutreiben.
Das alles passt wunderbar ineinander, ergibt eine hochinteressante und facettenreiche Geschichte, bei der man so ganz nebenbei auch noch einiges über Strafrecht, Strafvollzug und Bonobos lernt. Denn Lehmanns Themen sind stets gründlich recherchiert – der Rest ist gut erfunden. Allein der Plot wirkt diesmal etwas bemüht und wenig plausibel. Aber die Autorin hat den Fokus zum Glück anders gelegt und eine packende Geschichte darüber geschrieben, wie man auch in einem Rechtsstaat unter die Räder kommen kann.

Christine Lehmann: Die Affen von Cannstatt. Ariadne-Verlag, 287 Seiten, 12 Euro.

© Frank Rumpel

gesendet auf SWR 2

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