Dennis Lehane: In der Nacht

978-3-257-06872-6Dennis Lehane hat offensichtlich keine Angst vor Stereotypen, beginnt er seinen dickleibigen Gangsterroman „In der Nacht“ doch gleich mit einem, längst zum Allgemeinplatz geronnenen Bild:

Seine Füße steckten in einem Block Zement. Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, während Joe dem Tuckern des Motors lauschte, den Blick auf das schäumende Kielwasser gerichtet.

Joe Coughlin heißt der Protagonist in Dennis Lehanes großem Gangsterpanorama, das in den USA zu Zeiten der Prohibition spielt. 1926 setzt die Geschichte ein. Da ist der 20-jährige Joe in Boston Handlanger eines Mafiosis, der sein Geld mit Rumschmuggel, Spielhöllen und Bordellen macht. Beim Überfall auf eine Pokerrunde in einer Flüsterkneipe der Konkurrenz lernt Joe die erste große Liebe seines Lebens kennen. Der einzige Haken: sie ist auch mit Albert White liiert, dem ärgsten Widersacher seines Bosses. Dennoch will er mit ihr durchbrennen, vorher aber noch rasch eine Bank in Massachusetts überfallen. Der Bankraub geht schief. Seine Kumpanen erschießen drei Polizisten, er selbst wird als Mörder gesucht, von seiner Freundin verraten, von der Polizei geschnappt und ins Zuchthaus gesperrt.

Nach einer harten Eingewöhnungsphase nimmt ihn der Mafioso Maso Pescatore unter seine Fittiche. Er ist es auch, der Joe nach dessen Entlassung nach Ybor schickt, heute Teil der Stadt Tampa an der Westküste Floridas. Ybor ist ein Zentrum der illegalen Rumproduktion. Dort landen die Melasse-Lieferungen aus Kuba an, die in illegalen Brennereien zu Rum verarbeitet werden. Der wiederum wird von Ybor aus ins Landesinnere geschmuggelt. Joe hat im Gefängnis viel gelesen, viel gelernt. In Ybor baut er nun neue Strukturen auf, indem er Produzenten und Lieferanten unter ein Dach holt, die Kosten senkt, die Qualität des Rums und den Gewinn steigert.
Bald wird aus Ybor eine florierende Stadt, da Joe auch Geld in die Entwicklung der Infrastruktur und in karitative Institutionen steckt. Joe ist mit einer dunkelhäutigen Kubanerin verheiratet und muss sich in der Folge mit dem Ku-Klux-Klan und einer sehr erfolgreichen Fundamentalchristin herumschlagen, die gegen Alkohol und Glücksspiel wettert. Aber auch auf die eigene Organisation kann er sich längst nicht verlassen, steht dort doch ein Generationswechsel an.

Das alles ist spannend erzählt und üppig ausgestaltet. Der 1965 geborene, in Boston und Florida lebende Dennis Lehane fängt die Zeit mit viel Atmosphäre richtig gut ein. Er erzählt so konsequent, wie einfühlsam von den Gangstern jener Zeit und hat den Blick für amüsante Details.

Nicht zum ersten mal kam Joe in den Sinn, dass er es in seinem Geschäft, so gewalttätig es auch sein mochte, häufig mit überraschend normalen und bodenständigen Typen zu tun hatte – Männern, die ihre Frauen liebten und mit ihren Kindern Samstagsnachmittags Ausflüge machten, Männern, die an ihren Autos herumschraubten, sich sorgten, was ihre Mütter von ihnen dachten, und zur Kirche gingen, um Gott um Vergebung zu bitten wegen all der furchtbaren Dinge, die sie für ihre Bosse tun mussten, um sich ihr täglich Brot leisten zu können.

Dennoch ist Lehanes Roman nicht das reine Vergnügen. Denn der Autor umschifft kein Klischee, von der umwerfend schönen Kubanerin bis zum coolen Gangster. Seine Figuren bleiben meist etwas holzschnitthaft und oberflächlich. In seiner Geschichte hält sich Lehane nicht mit Nebensträngen auf. Das ist alles sehr geradlinig und bildstark erzählt, scheint vor allem auf gute Verfilmbarkeit hin geschrieben zu sein. Bisher wurden drei seiner Geschichten erfolgreich verfilmt. Unter anderem brachte Clint Eastwood seinen Roman „Mystic River“ (den der Diogenes-Verlag bald in Neuübersetzung herausbringen will) auf die Leinwand und Martin Scorsese nahm sich „Shutter Island“ vor.           Allerdings meint man diesmal, Lehanes Geschichten über die Gangster von damals doch so oder so ähnlich schon zu kennen, zumal der Autor keine Sekunde lang darauf bedacht ist, die Mythen von der Realität zu schälen. Vielmehr fügt er diesem Konglomerat eine eigene Schicht hinzu und erzählt dafür dann doch zu wenig Neues, oder zu wenig aus neuer Perspektive.                                                                                                                             Die Filmrechte von „In der Nacht“ sind längst verkauft. Man darf gespannt sein, was Hollywood aus dem Stoff machen wird.

Dennis Lehane: In der Nacht. Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. Diogenes Verlag, 585 Seiten, 22.90 Euro.

© Frank Rumpel

 

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