Charlotte Otter: Balthasars Vermächtnis

knvmmdb-21.dllAids ist das große Thema in Charlotte Otters Debütroman „Balthasars Vermächtnis“. Der spielt im Jahr 2000 im südafrikanischen Pietermaritzburg, der Provinzhauptstadt von KwaZulu-Natal. Maggie Cloete heißt die Protagonistin. Sie arbeitet als Kriminalreporterin für die „Gazette“, die einzige Tageszeitung der Stadt. Maggie hat eine zupackende Art, ist impulsiv, engagiert, heizt am liebsten auf ihrem Motorrad durch die Gegend, immer auf der Jagd nach guten Geschichten.

Der Stadtkern von Pietermaritzburg lag eingebettet inmitten von Hügeln wie Obstsalat in einer Schale. Sie erklomm den Rand der Salatschüssel. Die Vororte hier waren der reinste Plüsch. Jedes Zipfelchen manikürten Rasens prangte in einheitlichem Grünton. Sie roch Rosen und Hochleistungsrasenmäher.

Als auf den Stufen der örtlichen Aidshilfe-Mission ein Mann namens Balthasar Meiring erschossen wird, ist Maggie klar, dass es ein Fehler war, ihn einige Tage zuvor am Telefon abzuwimmeln. Meiring wollte, dass sie über wirkungslose Aidspräparate schrieb, die im Township verkauft werden.

Er hatte ihr eine Story ans Herz legen wollen, und nun war er tot. Am helllichten Tag erschossen, und zwar auf der Stoep der Aidshilfe-Mission. Verdammt. Sie hätte doch auf ihn hören sollen, als er anrief. Wäre er dann noch am Leben? Musste man jetzt schon sterben, um sich ihre Aufmerksamkeit zu sichern?

Balthasar Meiring kümmerte sich in den Dörfern um Aidswaisen und hatte gerade eine Sammelklage gegen einen Scharlatan namens Dr. Schloegel auf den Weg gebracht. Der lässt wirkungslose, aber teure Vitaminpräparate von Hausierern verkaufen. Die Vitamine helfen nicht nur nicht gegen Aids, sie bringen die meist armen Familien auch in finanzielle Abhängigkeit von Schloegel. Doch auch Meirings eigener Vater ist eine zwielichtige Figur. Der haderte nicht nur mit seinem homosexuellen Sohn, sondern hat auch mit den neuen demokratischen Verhältnissen seine Schwierigkeiten. Zu Apartheidszeiten hatte er einen schwarzen Arbeiter erschossen und bekam dafür lediglich neun Monate auf Bewährung. Langsam beginnt Maggie zu verstehen:

Sie atmete aus. Balthasar Meiring war also der Sohn eines schießwütigen Rechten, der nicht erfreut sein würde, wenn die lokale Presse ihm mit Fragen über die Verbindung seines Sohns zum HIV-Haus die Tür einrannte.

Die Südafrikanerin Charlotte Otter, die mit ihrer Familie seit einigen Jahren in Heidelberg lebt, hat ihren Roman ganz bewusst um die Jahrtausendwende verortet. Denn damals zweifelten Politiker des ANC öffentlich Forschungsergebnisse zu Aids an. Im Roman vertritt ein aufstrebender Politiker namens Phiri diese Meinung.

„Die Fragen, die sich die Regierung stellt – verhindern Medikamente bei HIV den Ausbruch von Aids? Verursacht HIV überhaupt wirklich Aids? Und wenn nicht, was dann? – das sind die Fragen, über die ich derzeit nachdenke.“ Phiri lächelte.

Durch die Kampagne der Regierung erhielten viele HIV-Infizierte keinen Zugang zu wirksamen Medikamenten und starben. Zurück blieben ihre Kinder als Waisen. Zwei Millionen solcher Waisen soll es Otter zufolge aktuell in Südafrika geben. Zudem hielt sich unter männlichen Aidskranken hartnäckig der fatale Aberglaube, dass nur der Geschlechtsverkehr mit einem jungen Mädchen ihr Blut reinigen könne. Auch das thematisiert die Autorin. Die Journalistin Charlotte Otter hat mit „Balthasars Vermächtnis“ einen grimmigen, einen engagierten Roman geschrieben, der Aids in den Fokus rückt, Korruption und Ignoranz anprangert.                                                                  Nun tun sich engagierte Autoren gelegentlich schwer, weil ihr gesellschafts-politisches Anliegen gerne mal ihre Fähigkeit, daraus eine gute Geschichte zu stricken, überstrahlt. Auch Otters Story hakt hie und da, die Hauptfigur ist nicht immer ganz glaubhaft und andere, wie etwa Maggies ahnungslose Kollegin aus dem Kulturressort, sind zu eindimensional gezeichnet. Dennoch ist Otter ein vielschichtiger und schnörkelloser Kriminalroman gelungen, mit dem sie an realen Verhältnissen kratzt und von tiefgreifenden Problemen in der sich verändernden, südafrikanischen Gesellschaft erzählt.                                                                                                                                                Die dynamische Übersetzung des Romans, den Otter zwar auf Englisch schrieb, der aber dennoch zuerst auf Deutsch erscheint, besorgte Ariadne-Verlegerin Else Laudan mit. Sie stattete das Buch auch mit einem weitreichenden, durch üppige Fußnoten und eine Linksammlung noch ergänzten, also vorbildlichen Glossar aus.

Charlotte Otter: Balthasars Vermächtnis. Aus dem Englischen von Else Laudan und Boris Szelinski. Ariadne-Verlag, 317 Seiten, 13 Euro. Das e-book ist bei culturbooks erschienen und kostet 8,99 Euro.

© Frank Rumpel

gesendet auf SWR 2

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