Garry Disher: Dirty Old Town

knvmmdb-20.dllEs ist schon ein paar Jahre her. 1997 erschien im Original der sechste und vorerst letzte Roman um den Berufsverbrecher Wyatt. Der australische Autor Garry Disher wandte sich der anderen Seite zu, widmete sich in immer weitläufiger werdenden Romanen dem Polizisten Hal Challis. 2010 schließlich holte er Wyatt zurück auf die Bühne.

War Wyatt in „Niederschlag“, dem 2008 in deutscher Übersetzung erschienenen, letzten Band der Reihe in seinen 40ern, müsste er im neuen Band streng auf die 60 zugehen. Er sei einige Zeit weg gewesen, heißt es im aktuellen Roman, ohne es genauer auszuführen. Viel hat sich seither verändert. Es gibt neue Technologien und damit einhergehend auch andere Arten von Kriminalität. Wyatt tut sich etwas schwer mit der neuen Zeit. „Er war ein Krimineller alter Schule: Geld, Juwelen und Gemälde“, schreibt Disher. „Die technischen Möglichkeiten hatten ihn überflügelt. Er besaß nicht nicht die Fähigkeiten, Hightechsicherheitsanlagen zu umgehen oder elektronisch geführte Transaktionen zu manipulieren, und er war mehr als nur skeptisch, mit jemandem gemeinsame Sache zu machen, der dazu in der Lage war.
Aber weil sich nunmal einiges verändert hat, geht der Einzelgänger Wyatt, der sonst alles penibel selbst plant und organisiert, ein Risiko ein. Er schließt sich einem seiner Informanten und dessen Exfrau an, die gemeinsam zwei Melbourner Juweliere ausnehmen wollen. Doch der Raub, obwohl gut geplant, läuft völlig aus dem Ruder. Sie erbeuten keine Juwelen, sondern Wertpapiere, die von einem französischen Killer stammen, der als Kurier für einen europäischen Hehlerring arbeitet. Wyatts Kompagnon spielt ein doppeltes Spiel, schnappt sich mit Hilfe einer durchgeknallten Stripperin die Beute. Wyatt überlebt nur, weil er gelernt hat stets mit allem zu rechnen.
Disher erzählt geradlinig, mit hohem Tempo von einer reichlich verrohten Welt, in der jeder, vom Berufsverbrecher bis zur Polizistin, vor allem darauf bedacht ist, seinen Schnitt zu machen. Wyatt ist kein Robin Hood, er holt sich, was er kriegen kann. Moralische Bedenken spielen da keine Rolle. Die Geschichte ist gut und clever gemacht, zumal sich da ein gealterter Wyatt mit einer neuen Situation zurechtfinden muss. Für den sonst so kontrollierten Gangster gehört dazu diesmal auch eine emotionale Regung.
Der Roman lässt sich zudem durchaus auch als kleine Referenz an Dishers 2008  verstorbenen Kollegen Donald E. Westlake lesen, der da seit den 1960ern als Richard Stark von seinem Berufsverbrecher Parker erzählte. Für Wyatt wird es in „Dirty Old Town“ ziemlich eng. Aus einer Gefängniszelle entkommt er, indem er die Identität eines betrunkenen Mithäftlings annimmt – und der heißt Parker.

Garry Disher: Dirty Old Town. Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp-Master, 323 Seiten, 13,80 Euro.

(c) Frank Rumpel

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