Friedrich Ani: M

knvmmdb-16.dllMia Bischof, eine der Hauptfiguren in Friedrich Anis neuem Roman „M“, führt ein unauffälliges Leben, genau genommen sogar zwei.

Bischof lebte ein Doppelleben – das einer jungen, erfolgreichen Redakteurin bei einer angesehenen Tageszeitung, in dem sie dieselben Zöpfe trug wie in ihrem Zweitleben als braunes Mädel, eingehüllt in die schrundigen Schatten der Vergangenheit.

„Sie hat gelernt mit ihren Ansichten, ihren Denkungsweisen sehr vorsichtig umzugehen und sie kann es einsetzen, wann sie es braucht und sie weiß ganz genau, in welcher Position sie ist und dass es nicht so einfach ist, drauflos zu manipulieren“, sagt der Autor Friedrich Ani.                                                                                                            Dieses sorgfältig aufgebaute Doppelleben der Mia Bischof gerät ins Wanken. Sie verliebt sich und als der Mann spurlos verschwindet, beauftragt sie die Detektei Liebergesell damit, ihn zu suchen. Doch den Detektiven, allen voran Tabor Süden, kommt das Verhalten der Frau seltsam vor. Deshalb suchen sie nicht nur nach dem Vermissten, sondern fühlen auch der Auftraggeberin auf den Zahn. Bei einer Observierung wird Südens Kollege Leonhardt Kreutzer zusammengeschlagen. Er stirbt einige Tage später. Und auch Südens Kollegin Patricia entgeht nur knapp einem Mordversuch. Derweil hat die Chefin der Detektei, Edith Liebergesell, ganz eigene Sorgen. Vor zehn Jahren wurde ihr damals 8–jähriger Sohn entführt und ermordet. All die Jahre hatte sie vergeblich gehofft, die Polizei würde die Täter schnappen. Um den Todestag herum nimmt sie sich frei, um zu trauern. Süden muss sich zunächst also allein um den Fall kümmern und sieht bald, dass auch der Verschwundene ein Doppelleben führte. Er ermittelte für das LKA verdeckt in der Neonazi-Szene.

Friedrich Ani erzählt in seinem Roman von rechten Kreisen, die sich in Bayern gut eingerichtet haben, eigene Fahrdienste unterhalten, eigene Versammlungsorte und ein weit verzweigtes Netz an Unterstützern besitzen. Der Verfassungsschutz mit seinen Verbindungsleuten ist in diesen gesellschaftlich breit verankerten Netzwerken eher Teil des Problems als Teil der der Lösung. In „M“ erzählt Ani davon, wie empfindlich die Rechten, samt Staatsschutz und Polizei reagieren, wenn jemand ihre Kreise stört. Thematisch wollte er dabei aber nicht zu sehr in die Breite gehen: „Natürlich„, sagt Ani, „kann man dieses Thema, und wenn man einen Kriminalroman darüber schreibt sowieso, kann man leicht 600, 700 Seiten füllen und da dann das Thema auch ausbreiten. Das wollte ich nicht. Ich wollte schon bei meinen Figuren bleiben. Ich habe am Anfang nur über diese Frauenfigur nachgedacht, also Frauen in der rechten Szene, also wie verhalten sich die und welche Rolle spielen die innerhalb der Szene, aber vor allem nach außen hin.“

So half die zentrale Figur des Romans, Mia Bischof, eine Kindertagesstätte aufzubauen, gründete eine Frauengruppe, organisiert Familienfeste, bei denen die braune Ideologie gut verpackt vermittelt wird. Sie hat ihr Doppelleben so gut im Griff, dass die Polizei sie bisher nie mit der rechten Szene in Verbindung brachte.                                                         Der 1959 geborene Friedrich Ani ist auch in seinem 19. Tabor-Süden-Roman ganz nah bei seinen Figuren, liefert Hintergründe, macht sie plausibel, weil er wissen will, warum sie tun, was sie tun. Er ist ein sensibler und hellwacher Beobachter, feinnerviger Chronist gesellschaftlicher Befindlichkeiten.                                                                                             Im Zentrum steht stets Tabor Süden, ein vom Leben Beschädigter, ein Melancholiker, der lange Polizist auf der Vermisstenstelle war. Als sich sein bester Freund erschoss, quittierte Süden den Dienst und verschwand selbst für ein paar Jahre. Der Autor Friedrich Ani wandte sich anderen Figuren, anderen Geschichten zu. Schließlich aber holte er seinen Tabor Süden zurück und ließ ihn in einer Münchner Detektei anheuern. Das war wichtig, sagt Friedrich Ani, denn:  „Ich habe halt festgestellt in den letzten 15 Jahren, dass ich mit der Figur meine Geschichten oder die Geschichten der Figuren, die ich gerne erzähle, dass ich die so am besten in Sprache bringe. Und ich kann auch meine Figuren am Besten sprechen oder schweigen oder handeln lassen, wenn in der Nähe der Süden istWahrscheinlich würde das auch anders funktionieren, aber jetzt hab ich’s schon so weit getrieben, jetzt schau ich mal, was passiert.

Mehrere Biographien, mehrere Geschichten kreuzen sich in diesem Roman, der sich da plausibel mit der rechten Szene auseinandersetzt, sie auch an reale Ereignisse koppelt, wie den versuchten Anschlag auf die Münchner Synagoge 2003 oder die Aushebung der Zwickauer Terrorzelle. Damit ist Friedrich Ani ein hochaktueller Kriminalroman gelungen, spannend und substantiell, gewohnt schwermütig im Grundton, sprachlich mit der ihm eigenen Virtuosität. Einem Menschenkenner, wie Ani einer ist, hört man einfach gerne zu.

Friedrich Ani: M. Droemer Knaur, 365 Seiten, 19,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

gesendet auf SWR 2

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