Uta-Maria Heim: Wem sonst als Dir.

COV_HEIM_WEM_SONST_LChristian Schöller ist nicht mehr ganz richtig im Kopf. Oder er ist richtiger, als alle anderen. Vielleicht. Zumindest ist er zwei. Zack, mit dem er sich gerne unterhält, und er, beide eins.

Er sah sich selbst gern in der dritten Person. Er beäugte sich aus den Winkeln der Vergangenheit, mit einer ungesunden Vorliebe, die etwas Deutungswütiges hatte. Er war ein Mann, der seinen Namen an einen Nagel gehängt hatte, um sich nicht selber mit dem Mantel aufzuknöpfen. Mehr war da, bei Licht besehen, nicht.

Dieser Christian Schöller war Gymnasiallehrer, schrieb, weil es mit der Dissertation nicht klappen wollte, nebenher an einem Roman über Hölderlin und dessen unglückliche Liebesbeziehung zu Susette Gontard. Schöller war ein Einzelgänger, lebte bei seiner Mutter. Seine Schwester Irene schloss sich nach dem Abitur der RAF an und beging später in der DDR Selbstmord.
Als die Mutter eines Abends mit einem Küchenmesser erstochen wird, deuten alle Indizien auf den Sohn als Täter. Schließlich saß er allein mit der Mutter beim Kartoffelschälen in der heimischen Küche. Schöller erinnert sich noch gut an den Abend: Die Platten sind schwarzweiß. Das weiß ich noch und die Mutter trägt einen Schurz. Mit Pfingstrosen drauf, lila, das Küchenmesser steckt ihr in der Brust. Sie liegt halb seitlich auf dem Rücken, Gosch auf, Augen himmelwärts, wie ein Lebtag lang.

Christian Schöller beteuert seine Unschuld und verweigert schließlich die Aussage. Der junge Staatsanwalt Keller plädiert für 15 Jahre Haft. Die bekommt Schöller auch. 1991 ist das. Anschließend wird er ins Psychiatrische Zentrum Freudenthal eingewiesen, eine fiktive Einrichtung nahe der ehemaligen Anstalt Grafeneck, in der die Nazis 1940 fast 11000 Menschen mit Behinderungen ermordeten. Schöllers Mutter arbeitete während dieser Zeit in der Anstaltsküche, wollte von alldem aber nichts mitbekommen haben.
Der Staatsanwalt, der für Schöller damals die Höchststrafe forderte, ist mittlerweile Richter. Doch sein erster großer Fall ließ ihn nie los.                                                                    Er hatte sich seinerzeit die Akten kopiert und bewahrt sie noch immer zuhause auf. Mit seiner Freundin Klara, die er während des Prozesses kennenlernte, spricht er immer wieder Details des Falles durch, weil ihn all die Jahre das Gefühl bedrängte, womöglich dazu beigetragen zu haben, einen Unschuldigen wegzusperren. Nach 20 Jahren sucht er Schöller in der Anstalt auf und bittet ihn um Verzeihung. Für Schöller ist das eine Art Zeichen zum Aufbruch. Einige Tage später bricht er aus, macht sich zu Fuß auf den Weg über die Alb nach Tübingen. In Gedanken ist er ganz bei Hölderlin, dem er sich nahe fühlt. Schließlich wanderte auch Hölderlin gute 200 Jahre zuvor von Bordeaux aus zurück an den Neckar.

Hölderlin hat von Bordeaux aus das Meer gesehen. Grafeneck rutscht mir den Buckel runter, herzogliches Lustschloss und Hitlers KZ. Einen Bogen mach ich darum, breche auf in die entgegengesetzte Richtung. Verlasse die edlen Anhöhen Freudenthals mit ihrer wildschönen Aussicht, Herzwut im Antlitz, Erhabenheit im Nacken, am Abgrund gut möblierte Alleen. Am Nikolaus bin ich in Tübingen, am Turm. Ich werde verharren, von wo der Fritz zu karstiger Zeit aufgebrochen ist hinüber ins Innere und nimmer zurückkehrte als ein ganz Gebackener.

Die SWR-Hörspieldramaturgin Uta-Maria Heim erzählt die Geschichte aus mehreren Perspektiven, schlüpft mal in die Köpfe ihrer Protagonisten, beobachtet sie ein anderes Mal von außen. Sämtliche Figuren in diesem Roman sind auf irgendeine Art miteinander verbunden. Jeder trägt eine Last, ein Geheimnis mit sich herum, ist so gar nicht mit sich im Reinen. Dadurch bleibt die Geschichte bis zum Schluss überraschend. Und erst allmählich zeigen sich da einzelne Pfade und Verknüpfungen, verdichten sich die Hinweise, dass Schöller seine Mutter vielleicht tatsächlich nicht umgebracht hat, dass überhaupt einiges nicht so ist, wie es zu sein scheint.

„Wem sonst als Dir“ – so widmete Friedrich Hölderlin den „Hyperion“ seiner Geliebten Susette Gontard – ist ein raffinierter, intelligent und verschachtelt erzählter Roman, anspielungsreich, sprachlich hoch konzentriert, funkelnd, scharfsinnig und kratzbürstig zugleich, mit trockenem Witz, der sich im Dialektalen am wohlsten fühlt. Und wie nebenbei reißt Heim – vor allem in zahlreichen, zum Teil üppigen Fußnoten – noch eine ganze Reihe Themen an: So gibt es freilich zahlreiche Hölderlinbezüge, das ehemalige, im 16. Jahrhundert als Jagdschloss gebaute Grafeneck, das unter den Nazis zu einer Vernichtungsanstalt wurde, spielt ebenso eine Rolle, wie abstraktere Themen, etwa der Umgang mit Schuld oder mit unterschiedlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit. „Wem sonst als Dir“ ist ein so grantiges, wie liebevolles und doch auf ganzer Linie widerborstiges Heimatbuch, ein grandioser Roman, ein intensives Leseerlebnis. Da hatte die Autorin einen echten Lauf.

Uta-Maria Heim: Wem sonst als Dir. Klöpfer und Meyer-Verlag. 264 Seiten, 20 Euro, als eBook 15,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

Die Besprechung wurde in etwas  kompakterer Form auf SWR 2 gesendet.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.