Carl Nixon: Settlers Creek

knvmmdb-15.dll

Gibt es eine neuseeländische Identität? Und wo zwischen Maori-Kultur und jener der weißen Siedler wäre sie zu verorten? Diese Frage stellt der 1967 geborene, in Christchurch lebende Carl Nixon in seinem neuen Roman „Settlers Creek“. Eine pauschale Antwort freilich kann es da nicht geben, denn die Welt der Weißen und die der Maori sind oft voneinander getrennt. Nixon spitzt dies erzählerisch auf ein sehr sensibles Thema zu: Wem gehören die Toten, wenn sie Eltern aus beiden Kulturen haben und wer bestimmt, wo sie bestattet werden?
Box Saxton heißt der weiße Protagonist in Nixons, im Original bereits 2010 erschienenem Roman. Box war einmal ein erfolgreicher Bauunternehmer in Christchurch. Es lief gut für ihn und seine Familie: Ein schmuckes Haus am Meer, ein üppiges Leben, teure Autos, Privatschule für die Kinder – bis zur Finanzkrise 2008.

Innerhalb eines Jahres verlor Box alles. Die Firma, das eigene Haus, beide Autos. Alles ging den sprichwörtlichen Bach runter. Und als alles, was er besaß, verkauft war, hatte er noch immer Schulden. Für hundert Dollar überließen sie ihm das, was ihm schon immer gehört hatte: einen Toyota Hilux, Baujahr 1988, mit Beulen und Kratzern, aufgerissenen Plastiksitzen und einer fast ganz verrotteten Ladefläche aus Holz. Das Verrückte daran war, dass Box auch noch so etwas wie Dankbarkeit empfand.

Die Familie zieht in ein von Sozialwohnungen geprägtes Stadtviertel. Box schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitet auf dem Bau und nimmt dafür auch weite Fahrten in Kauf. Am anderen Ende der Insel trifft ihn schließlich die eigentliche Tragödie. Sein 19-jähriger Adoptivsohn Mark hat sich erhängt. Er hinterließ keinen Abschiedsbrief. Box und seine Frau Liz können allenfalls mutmaßen, dass es wegen eines Mädchens war.
Sehr präzise und behutsam erzählt Carl Nixon von der lähmenden Trauer der Eltern und davon, was nach dem Tod eines Menschen eben getan werden muss: die Bestattung organisieren, eine Grabstelle aussuchen. Mark soll in Governors Bay begraben werden, wo Box‘ Familie seit Generationen Land besitzt und bewirtschaftet. „Whitecliffs“ haben die Saxtons ihren Flecken Land getauft. Hier wuchs Box bei seinen Großeltern auf. Seine Mutter war früh gestorben, sein Vater hatte sich aus dem Staub gemacht. Whitecliffs gehört zu einer kleinen Siedlung mit einem Friedhof oberhalb des Meeres. Während Box sich vor Ort um die Beerdigung kümmert, drängen eigene Kindheitserinnerungen an die Oberfläche, Erinnerungen an Orte und Menschen, die ihm vertraut und wichtig waren. Die Gegend freilich hat sich verändert.

Die meisten Gemüsegärten und Obstplantagen seiner Kindheit waren verschwunden. Überall in der Bucht hatte man die Felder und Weiden, auf denen es einst nur Schafe und zerfledderte Kohlbäume gab, in Bauland verwandelt. Die Käufer der neuen Grundstücke bauten sich dort ihre Traumhäuser mit Seeblick, und der weite Weg zur Arbeit störte sie nicht. Governors Bay war zu einer weiteren Vorstadt von Christchurch geworden.

Erst im Zuge dieser Selbstvergewisserung kommt zur Sprache, dass Mark nur Box‘ Stiefsohn ist. Sein leiblicher Vater ist ein Maori, der sich von seiner Frau Liz, Marks Mutter, trennte, als das Kind ein Jahr alt war. Damals hieß der Mann noch Stephen, mittlerweile nennt er sich Tipene, lebt im Maoridorf Kaikoura an der Küste, wo er gut von den Touristen lebt. Als er vom Tod seines Sohnes erfährt, kommt er mit seiner ganzen Sippe vorbei, um zu trauern.

Als Box sein Haus betrat, fand er es voller Maori. Er blieb in der Wohnzimmertür stehen und schaute auf ein Meer von braunen Gesichtern. Mindestens zwanzig Leute waren im Raum. Ein paar, die in seiner Nähe standen, wandten sich neugierig nach ihm um, als wäre er ein Fremder, der sich in der Tür geirrt hatte. Auf dem Sofa stillte eine Frau ihr Kind. Die meisten lauschten der Rede eines alten Mannes. Sein braunes Gesicht war rissig wie eine Walnussschale. Der Mann sprach auf Maori mit langen Pausen zwischen offenbar ernsten Worten.

Das ist für Box zwar etwas zu viel des Guten, doch ein Konflikt entsteht erst, als Tipene fordert, Mark müsse, wie in der Maori-Kultur üblich, bei seinen Ahnen im Ort Kaikoura bestattet werden. Mit denen sei er nunmal durch seine Abstammung verbunden.  Der ohnehin schon psychisch labile Box empfindet die Forderung der Maori als Zumutung. Doch wie ernst es ihnen damit ist, merkt er erst, als Tipene mit seinen Verwandten kurz vor der Beerdigung Marks Leiche raubt. Das sei, betonte Nixon in einem Interview, keineswegs frei erfunden, sondern in Neuseeland tatsächlich schon vorgekommen.           Die Polizei kann nach eigenem Bekunden nichts tun, weil ein Leichnam offiziell nunmal niemandem gehöre und deshalb auch kein Diebstahl vorliege. Das will Box nicht hinnehmen. Er verfolgt die Täter und beschließt, die Leiche seines Sohnes zurückzuholen.

Ganz allmählich nimmt diese packende Geschichte Fahrt auf, wird aus einem sehr bedachten, kleinteiligen Portrait eines Trauernden eine Art melancholisches Road-Movie. Auf der Ladefläche seines Hilux hat Box die in eine alte Armeedecke eingeschlagene und unter Bauschutt versteckte Leiche seines Sohnes liegen. Er ist nur noch getrieben von dem immer irrationaler anmutenden Wunsch, ihn heimzuholen. Für ihn ist klar: Er ist der Vater von Mark, weil er ihn zusammen mit seiner Frau Liz großzog und deshalb auch bestimmt, wo er begraben wird.
Nixon, der sich in seiner Heimat zunächst als Theaterautor einen Namen machte und der hierzulande voriges Jahr mit seinem grandiosen Roman „Rocking Horse Road“ zu entdecken war, nähert sich seinen Figuren sehr vorsichtig und einfühlsam, macht aus ihnen ernstzunehmende Charaktere, die sich da entlang gesellschaftlicher Bruchlinien bewegen. Sein Erzähler ist zwar nah bei Box, hält aber immer wieder auch Distanz, schildert Szenen von außen und lässt seinen Figuren Entwicklungsspielraum. So wird Box erst mit dem Tod seines Sohnes bewusst, wie wichtig ihm seine eigenen familiären Wurzeln eigentlich sind. Doch in diesem Prozess des Erkennens ist das Gefühl der Zugehörigkeit auch schon vorbei. Ganz kühl schiebt der Autor Box Richtung Wahnsinn, lässt ihn eine Grenze nach der anderen überschreiten, so dass er sich mehr und mehr von seiner Familie und der Gesellschaft entfernt.                                                                            Carl Nixon lotet hier sehr genau die Untiefen seines Protagonisten und zumindest in Ausschnitten auch jene der neuseeländischen Gesellschaft aus. Immer wieder geht es da etwa um latenten, aber auch offenen Rassismus, um getrennte Lebenswelten von Maori und Weißen, deren Kultur und Spiritualität, die genau besehen in ihren Ansätzen gar nicht so weit auseinander liegen.                                                                                            „Settlers Creek“ ist ein klasse Roman, der so sensibel und nuancenreich, so schonungslos und konsequent, so hellwach und dicht erzählt ist, wie man es sich bei einem solchen Thema nur wünschen kann.                                                                                                       Stefan Weidle trifft in seiner Übersetzung den sachten, aber präzisen, gelegentlich auch humorvollen Ton Nixons und hat dem Buch, weil er eben auch dessen Verleger ist, mit einigen Landschaftsfotografien der Gegend, zudem noch eine schöne Aufmachung spendiert.

Carl Nixon: Settlers Creek. Aus dem Englischen von Stefan Weidle. Weidle-Verlag, 344 Seiten, 23 Euro. Das e-book ist bei culturbooks erschienen und kostet 13,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

gesendet auf SWR 2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.