Jerome Charyn: Unter dem Auge Gottes

knvmmdb-14.dllDie Romane des New Yorker Autors Jerome Charyn sind eine Herausforderung. Denn es sind so komplexe wie chaotische Gebilde, denen stets etwas Surreales anhaftet und deren Inhalt sich nicht in ein paar Zeilen wiedergeben lässt. Gerade ist im Züricher Diaphanes-Verlag in der von Thomas Wörtche neu begründeten Reihe Penser Pulp der inzwischen elfte Band von Charyns Reihe um den ehemaligen New Yorker Polizisten Isaac Sidel erschienen.

1975 veröffentlichte der 1937 in New York geborene Jerome Charyn mit „Blue Eyes“ den ersten Band um Isaac Sidel. Der war damals noch Deputy Chief Inspector beim New York Police Department. In den folgenden Bänden, die in deutscher Übersetzung zuletzt bei Rotbuch erschienen und nun nach und nach bei Diaphanes wiederaufgelegt werden sollen, stieg Sidel auf. Er wurde Polizeichef von New York, dann Bürgermeister. Im aktuellen Band, der im Jahr 1988 spielt, hat er es zum designierten Vizepräsidenten der USA gebracht und es sieht am Ende des Buches ganz so aus, als müsste er sogar den Posten des Präsidenten übernehmen. Doch Sidel ist eine schillernde Figur. So geht er nie ohne seine Glock aus dem Haus. Er benutzt sie auch gern, legt allerdings nur die bösen Jungs um. „Er war nicht mit Grausamkeit und Habgier verdorben. Er hatte einen völlig anderen Kompass. Er würde niemandem das Licht ausschießen, nur um ein wenig Beute zu machen.

Die Leute lieben ihn für seine harte Linie. Und dieser Beliebtheit verdankt auch die Demokratische Partei ihren überzeugenden Sieg bei den Wahlen, denn deren Präsidentschaftskandidat ist ein reicher Baseball-Zar, ein windiger Unternehmer und Casanova. In „Unter dem Auge Gottes“ entgeht Isaac nur knapp einem Attentat.

„Ich bin das Auge Gottes“, brüllte der Bewaffnete, während er einen silbernen Colt mit dem längsten Lauf umklammerte, den Isaac je gesehen hatte. Big Guy konnte seine Glock nicht ziehen. Er hätte ein Pandämonium entfacht, womöglich ein Blutbad angerichtet. Stattdessen stürzte er sich auf den Bewaffneten, der seinen Abzug ein einziges Mal betätigte und Isaac mit einem Streifschuss unter dem Arm erwischte. Die Kronleuchter klingelten wie ein himmlisches Glockenspiel.

So ein Streifschuss freilich hält Sidel nicht weiter auf. Doch als er der Sache nachgeht, führt ihn das mitten hinein in einen Strudel aus Intrige und Inszenierung, in dem es fast unmöglich ist, die Vertrauten von den Söldnern und Spionen zu unterscheiden. Hinter dem Attentat steckt – so findet Sidel heraus – ein einflussreicher Mann namens David Pearl, der im 17. Stock des einst prächtigen, mittlerweile ziemlich abgehalfterten Hotels Ansonia haust. Als Unterweltbanker hat er nicht nur ein unglaubliches Vermögen angehäuft, sondern auch Geschäftsleute und Mafiosi in der Tasche, ja seine Kontakte reichen gar bis ins Weiße Haus und in die Reihen des FBI. Er war es auch, der all die Jahre aus dem Hintergrund Sidel protegierte. Es geht um gigantische Grundstücksgeschäfte in der damals noch heruntergekommenen Bronx. Nur zu gern würde sich dort das Militär niederlassen, was Sidel unbedingt verhindern will.
Immer wieder thematisiert Charyn die engen Verzahnungen zwischen organisiertem Verbrechen und Politik. Zu seinen Romanen um Isaac Sidel, sagte der so vielseitige, wie produktive Charyn einmal in einem Interview: „Ich wollte die Geschichte New Yorks neu erzählen und zwar durch die Geschichte des Verbrechens. Was die Leute oft nicht realisieren, ist, dass Kriminalität überall ist. Kriminalität bestimmt alles.“

Im aktuellen Band steht für diese Symbiose der Strippenzieher David Pearl. Der ist zwar fiktiv, doch reiht ihn Charyn zwischen reale Personen. So beschreibt er Pearl als einstigen Vertrauten von Arthur Rothstein. Dieser Rothstein gehörte zur jüdischen Mafia, war Mentor anderer bekannter Mafiosi wie Lucky Luciano oder Meyer Lansky, machte sein Geld mit Sportwetten und Alkoholschmuggel – und auch er lebte im Hotel Ansonia.
Die vermeintlich bekannten Erzählmuster des Krimigenres sucht man derweil in Charyns Sidel-Romanen vergeblich. Sie bilden allenfalls noch eine grobe Klammer in seinen dicht gestrickten, rasanten und anspielungsreichen Geschichten, die voll knapper, pointierter Dialoge und irrwitziger Ideen sind, so hellwach wie träumerisch, mal tiefgründig und schon im nächsten Moment nur glitzernde Oberfläche. Charyns Sidel-Romane brauchen aufmerksame Leser. Andernfalls mögen die Texte gelegentlich etwas spröde und unzugänglich wirken. Aber wer sich darauf einlässt, sich in diesen irren, stets an die Realität, aber auch an den Mythos New Yorks rückgekoppelten Kosmos hineinbegibt, wird seine Freude haben.

Jerome Charyn: Unter dem Auge Gottes. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche. Diaphanes-Verlag, 285 Seiten, 16,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

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