Adrian McKinty: Der katholische Bulle

knvmmdb-13.dllAdrian McKinty traut sich was. In seinem Internetblog „Die Psychopathologie des alltäglichen Lebens“ schreibt er: „Kriminalromane sind in letzter Zeit doch ziemlich dumpf geworden. Viele sind langweilig, ohne einen Funken Witz oder auch nur eine gelungene Passage. Und die Klischees, Jesus, die Klischees. Und die Gewalt. Manches von dem Zeug ist fast unmöglich zu lesen und mich wundert, wie die Autoren nur dazu kamen, es zu schreiben.“

Starke Worte für einen, der sein Geld mit Kriminalromanen verdient. Und er setzt ganz unbeschwert noch eins drauf, indem er 15 Stereotype benennt, die er gerne aus dem Genre verbannt wüsste – zumindest für die nächsten zehn Jahre. An erster Stelle stehen Serienkiller, ganz egal, ob die nun clever oder dämlich sind.

12 Krimis hat der 1968 in Nordirland geborene McKinty, der in Oxford Philosophie studierte, einige Jahre in den USA verbrachte und jetzt in Melbourne lebt, bisher veröffentlicht. Hierzulande brachte Suhrkamp zuletzt seine irrwitzig geplottete Trilogie um einen irischen Gangster heraus, der sich in den USA der 1990er durchschlagen muss. Mit „Der katholische Bulle“ liegt nun der erste Teil seiner neuen Reihe vor.

Sean Duffy heißt deren Protagonist. Er ist Polizist in Carrickfergus, einem Vorort von Belfast. Und er ist Katholik, was im Nordirland von 1981 eine Rolle spielt. Denn die IRA hat ein Kopfgeld auf katholische Polizisten ausgesetzt, die sie als Verräter betrachtet. McKinty beschreibt ein Belfast in bürgerkriegsähnlichem Zustand, wo sich IRA und deren protestantische Gegenspieler, Militär und Polizei gegenüber stehen. Die Paramilitärs kontrollieren ganze Viertel, kassieren Schutzgeld, handeln mit Drogen. Beherrscht aber werden die Schlagzeilen vom Hungerstreik der IRA-Häftlinge, die als politische Gefangene anerkannt werden wollen. Am Ende sterben zehn von ihnen. Großbritanniens Premierministerin Margret Thatcher lehnt Zugeständnisse ab. Ein Waffenstillstand ist noch in weiter Ferne, Nordirland fest im Griff des Terrors.

Wir gingen den Gartenweg zum Haus entlang und klingelten. Wir warteten und hörten, wie in Belfast eine Bombe hochging. „Zweihundert Pfund, dem Krach nach zu urteilen“, meinte Crabbie.

Doch die Polizei hat anderes zu tun. Zwei homosexuelle Männer werden ermordet, beiden eine Hand abgehackt. In einem anonymen Brief kündigt jemand an, weitere Homosexuelle umbringen zu wollen. Allerdings passt die Art der Morde so gar nicht zu den Paramili-tärs, weshalb die Polizei mutmaßt, es womöglich mit dem ersten Serienkiller Nordirlands zu tun zu haben. Das habe es einfach noch nie gegeben, sagt ein Polizist und Duffy antwortet:

„Nein, bisher hat jeder, der so tickt, es geschafft, sich einer der beiden Seiten anzuschließen. Nach Herzenslust foltern und morden, aber für die ‚Sache‘.“

Letzten Endes führen Duffys Ermittlungen aber doch zwischen alle Fronten. Denn wie sich herausstellt, war der erste Tote Chef der FRU, also jener IRA-Abteilung, die potentiellen Spionen auf den Zahn fühlte.

Erwischte dich die IRA, schossen sie dir in die Kniescheibe oder gleich in den Kopf. Erwischte einen die FRU und hatte sie den Verdacht, dass du Spitzel warst, dann konnte der Spaß eine Woche dauern. Folter mit Schweißgerät, Bohrer, Säure, Elektroschocks. Das waren so die Methoden, um die Wahrheit herauszufinden. Nur ein Irrer würde sich jemals mit dem Oberboss der FRU anlegen. Dazu musste man verrückt sein.

Adrian McKinty erzählt wendungsreich und komplex von einer der Hochzeiten des Nordirland-Konflikts und von einer Abrechnung in obersten IRA-Kreisen. Der Mann kann schreiben, hat Witz, weiß eine Story intelligent zu entwickeln. Außerdem fängt er die Zeit durch die Augen seines Ich-Erzählers Sean Duffy wunderbar ein, etwa als der die Niederschlagung von Unruhen beobachtet:

Lichtbögen aus brennendem Benzin unter der Mondsichel. Ein entfernter Schrei wie von Männern unter Deck eines von Torpedos getroffenen Gefangenenschiffs. Überall Hubschrauber, deren Suchscheinwerfer sich wie Liebende im Jenseits begegneten. All dies hinter dem Schleier eines öligen Belfaster Regens.

Dass die Story gelegentlich eine Spur zu glatt inszeniert ist, ihr Protagonist etwas zu smart und nicht immer ganz plausibel daher kommt, stört da nicht wirklich. „Der katholische Bulle“ ist eine packende Geschichte, in der McKinty gewieft mit einigen jener Stereotype spielt, von denen er in Kriminalromanen eigentlich nichts mehr lesen wollte.

 

Adrian McKinty: Der katholische Bulle. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Suhrkamp-Verlag, 384 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR 2

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