Donald Ray Pollock: Knockemstiff

knvmmdb-4.dllEs sind ziemlich ungemütliche kleine Welten, von denen Donald Ray Pollock in seinen 18 Kurzgeschichten erzählt. Diese Welten liegen alle im Mittleren Westen der USA.

Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht, wie man einem Mann so richtig weh tut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte. Ist schon Jahre her. Damals war Freiluftkino noch eine Riesensache im Süden Ohios. Es lief Godzilla und dazu noch irgendein jämmerlicher Film mit fliegenden Untertassen, in dem Pastetenbleche die Welt eroberten.

So fängt eine Erzählung mit dem Titel „Das wahre Leben“ an und sie geht wie auch die meisten anderen Geschichten in diesem Band nicht gut aus. Der 1954 geborene Donald Ray Pollock erzählt von kaputten Typen, die mit sich und der Welt hadern, sich nehmen, was sie brauchen, oder sich mit ihren Ängsten und Unzulänglichkeiten in ihr Schicksal ergeben.
Da flieht ein Jugendlicher vor seinem tyrannischen Vater und gerät an einen psychopathischen Trucker. Ein Neunjähriger muss für seine Mutter in die Rolle von Serienkillern schlüpfen, um ihr einen Kitzel zu verschaffen. Ein von Ehrgeiz zerfressener Bodybuilder verliert erst seinen mit Stereoiden vollgepumpten Sohn und dann den Verstand. Zwei Kleinkriminelle wollen nach Kalifornien abhauen, erbeuten statt Geld aber nur Speed. Damit versacken sie vor Ort und schieben sich immer näher an den Wahnsinn heran.

Drei Tage nach dem Diebstahl überfuhren wir das Huhn. Frankie trat auf die Bremse und der Wagen kam rutschend zum Stehen. Ich sprang raus. Das Huhn hing mit gebrochenem Genick am Kühlergrill. Ich zog es vorsichtig vom Chrom und hielt es an den knubbeligen gelben Füßen hoch.
„Ich kann es retten“, verkündete ich.
Frankie sah mich stirnrunzelnd an, dann drückte er einen Finger gegen den Nasenflügel und schnaubte sich Rotz auf die Stiefel. „Das ist tot, Bobby.“
„Ich kann’s retten“, wiederholte ich. Ich drückte den Vogel an meine Brust und spürte, wie seine Wärme langsam in dem kalten Wind verging, der über die flachen Felder wehte.

Er glaube nicht, dass seine Geschichten sehr übertrieben seien, sagte der Autor Donald Ray Pollock einmal in einem Interview. Schließlich gebe es in Amerika und auf der Welt eine Menge komischer Leute. Da hat er sicherlich nicht ganz unrecht, und doch trifft einen diese geballte Sammlung von Verlierern und hoffnungslosen Gestalten mit ziemlicher Wucht.
Pollock erzählt geradlinig, konzentriert, mit großer Präzision und mitleidlosem Blick, mal aus der Ich-Perspektive, mal von außen als neutraler Beobachter, der seinen Figuren auf dem Weg ins Verderben zusieht. Seine Protagonisten sind Kinder und Jugendliche in den 1960er Jahren und Erwachsene in den 70er und 80er Jahren. Wobei die meisten dieser nachtschwarzen Geschichten aber zeitlos sind.
Er erzählt von schwierigen Kindheiten, von gewalttätigen Vätern und von Menschen, die sehr genau wissen, dass das Leben, das sie da führen, ein trostloses ist, eines, das so gar nicht dem entspricht, was sie sich erträumt hatten. Und doch haben sie weder die Kraft noch den Mut, daraus zu fliehen.
Da erbt einer von seiner Großmutter in den siebziger Jahren ein Auto und 2000 Dollar. Doch anstatt sich aus dem Staub zu machen, zieht er mit einem grobschlächtigen Typen in eine Holzhütte am Fluss, nimmt und verkauft Drogen und wird schließlich von seinem Kompagnon zusammengeschlagen und vergewaltigt. Am Ende sitzt er auf einer Brücke hoch über dem Fluss.

Er zündete sich die letzte Zigarette an und rauchte sie fast bis auf den Filter herunter. Dann ließ er die Kippe fallen, und die orangene Glut flog durch die feuchte Luft. Todd stand voller Trauer da und sah, wie das Wasser sie verschluckte.

Die Geschichten spielen in und um Knockemstiff, einem Kaff im südlichen Ohio, in dem Pollock selbst in den 50er und 60er Jahren aufwuchs. Der Ort, der seiner Erzählsammlung auch ihren Titel gab, ist heute nur noch ein Geisterstädtchen. Im Interview mit einem amerikanischen Radiosender sagte Pollock: „Als ich ein Kind war, wirkte der Ort klaustrophobisch auf mich. Ich war eines dieser Kinder, die immer unzufrieden sind, stets jemand anders und auch woanders sein wollen. Und so dachte ich schon in jungen Jahren darüber nach, von dort zu verschwinden. Aber ich kam nicht wirklich weg. Ich denke, das ist der seltsame Widerspruch in dem Ganzen. Ich wollte weg und als ich die Chance dazu bekam, entschied ich mich, zu bleiben.“

Heute lebt er etwa 30 Kilometer von Knockemstiff entfernt. Es sei nunmal der Ort, den er so gut kenne, dass er darüber schreiben könne, sagte er. Und dennoch sind seine Geschichten fiktiv.
Pollock kam spät zur Literatur. Mit 17 brach er die Schule ab, arbeitete zunächst in einer Fleischfabrik und danach 32 Jahre als Lastwagenfahrer für eine Papiermühle. In dieser Zeit holte er seinen Schulabschluss nach, studierte an der Ohio State University und begann schließlich zu schreiben. In einem Interview sagte Pollock: „Als ich 45 war, ging mein Vater, der in der Papiermühle gearbeitet hatte, in Rente. Und als ich ihn so sah, wie er da verrentet nach Hause ging – das war so ziemlich das Ende seiner Laufbahn. Und das beschäftigte mich wirklich. Und da habe ich entschieden, dass ich noch was anderes ausprobieren, irgendeinen anderen Weg finden musste, wie ich den Rest meines Lebens verbringen wollte.“                                                                                                                     2008 – mit 54 Jahren – veröffentlichte er seinen ersten Band mit Kurzgeschichten, eben „Knockemstiff“. Seine Figuren arbeiten in der Fleischfabrik oder in der Papiermühle, haben oft ein Problem mit Frauen, kommen nicht vom Alkohol oder den Drogen weg und haben sich in ihrer kleinen, selbst gezimmerten Welt eingerichtet. Es sind Geschichten voller Gewalt und Melancholie, in denen aber auch immer wieder ein spröder, staubtrockener Humor aufblitzt.

Als Del aus dem Blackout erwachte, stand er in Unterwäsche vor dem verblichenen rosafarbenen Zweifamilienhaus, das Geraldine und er gemietet hatten, und pinkelte ins verdorrte Augustgras. Das war das Schlimme daran, wieder zu sich zu kommen: Gerade war man noch wie ein hirnloser Karpfen, der fröhlich den Schlamm am Grund des Bottom Creek fraß, dann, Popp, ein Lichtblitz, und man zappelte wieder auf trockenem Land herum, mitten in der nächsten scheißpeinlichen Situation.

Pollock ist ein hellsichtiger und lebenskluger Erzähler, der in fettfreier Prosa entlang der Bruchlinien dessen schreibt, was wir zivilisierte Welt nennen. Den kleinen Schritt ins Abseits haben seine Figuren oft schon gemacht. Und wenn nicht, treibt sie der Autor darauf zu, allerdings nie zynisch, sondern eher mit einer gewissen Wehmut. Es sind eindringliche, glänzend geschriebene Geschichten, die den amerikanischen Traum konterkarieren und in ihrer Brutalität oft nur schwer zu ertragen sind. Man sollte sie sich einzeln vornehmen, dazwischen etwas Zeit verstreichen lassen. Am Stück gelesen kann man sonst leicht den Glauben an die Menschheit verlieren.

Donald Ray Pollock: Knockemstiff. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind-Verlag, 256 Seiten, 18,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

gesendet auf SWR 2

 

 

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