Stephen King: Joyland

knvmmdb-3.dllDer US-amerikanische Bestseller-Autor Stephen King ist ein Vielschreiber. Da ist die Nachricht, es gebe einen neuen Roman von ihm, nicht die große Überraschung. Denn der 1947 geborene King, der sich immer wieder auch zu politischen Themen zu Wort meldet und sich etwa für ein schärferes Waffenrecht oder für eine höhere Besteuerung von Reichen ausspricht, ist äußerst produktiv. 1974 erschien mit dem Roman „Carrie“ sein Debüt und seither hat er 45 weitere Romane, über hundert Kurzgeschichten, dazu Novellen und Sachbücher veröffentlicht. Seine Texte sind in 40 Sprachen übersetzt und verkauften sich bisher rund 400 Millionen Mal. Auch wenn die Nachricht selbst nicht überrascht: Der Mann hat immer wieder etwas zu erzählen und ist damit extrem erfolgreich.

„Joyland“ heißt sein aktueller Roman, der wie immer fast zeitgleich im Original und in deutscher Übersetzung erschien. Joyland ist ein Vergnügungspark an der Küste North-Carolinas. Über einen solchen Park, sagte King, der ja vor allem als Horror- und Fantasy-Autor bekannt ist, habe er schon lange einmal schreiben wollen. Ursprünglich sollte sein 1977 veröffentlichter und später mit Jack Nicholson verfilmter Roman „Shining“ in einem solchen Vergnügungspark spielen. Es wurde dann doch ein leerstehendes Hotel. Jetzt hat King die Idee von damals in einem Kriminalroman umgesetzt.
Es ist Sommer 1973. Devin Jones heißt der Protagonist. Er ist 21, unglücklich in ein Mädchen namens Wendy Keegan verliebt und heuert deshalb in seinen Semesterferien in Joyland an, um Geld zu verdienen und zu vergessen. Denn Joyland ist eine andere Welt.

Ich hörte Motorsägen aufheulen und überall wimmelte es von Arbeitern – der größte Trupp machte sich am Thunderball zu schaffen, einer der beiden Achterbahnen in Joyland. Ein paar Imbissbuden hatten auf, damit die Arbeiter sich versorgen konnten und vor einer mit Sternen übersäten Wahrsagerbude stand eine alte Dame und musterte mich argwöhnisch. Alles andere war abgesperrt. Mit Ausnahme des Carolina Spins, des Riesenrads. Davor stand ein muskulöser Typ in ausgebleichten Jeans, abgeschabten Wildlederstiefeln voller Ölflecken und einem ärmellosen Shirt. Auf seinem pechschwarzen Haarschopf thronte eine Melone. Auf der orangefarbenen Kiste neben ihm standen ein offener Werkzeugkasten und ein großes tragbares Radio. Die Faces sangen „Stay with me“.

Erzählt wird das alles im Rückblick von einem gealterten Devin Jones.

Inzwischen bin ich über 60, meine Haare sind grau, und ich habe die erste Runde Prostatakrebs überlebt, aber ich will immer noch wissen, was Wendy Keegan an mir auszusetzen hatte.

Im Park lernt er ein anderes Leben kennen. Zu den härtesten Jobs gehört dabei nicht etwa das Saubermachen unter der Achterbahn, sondern das Tragen des Fells. So nennen die Insider das Kostüm des Joyland-Maskottchens Howie the Happy Hound, das Kinder verzückt und jene, die drin stecken, nahe an einen Hitzschlag bringt.
Joyland hat auch eine Geisterbahn namens Horror House, in der es tatsächlich spuken soll. Ein paar Jahre zuvor war dort eine junge Frau ermordet worden. Der Täter wurde nie gefasst und seither wollen einige eine Frauengestalt gesehen haben. Devin beginnt sich für die Geschichte zu interessieren und wagt sich schließlich zu Fuß ins Horror House.

Als ich am schreienden Schädel vorbeikam, musste ich mich ducken, obwohl er hochgeklappt war und in seiner Ausgangsstellung verharrte. Meine Schritte hallten vom Holzboden wider. Ich konnte meinen Atem hören – er klang rau und trocken. Zwischen dem Verlies und der Folterkammer führte die Schiene abwärts und beschrieb eine zweifache S-Kurve, wo der Zug beschleunigte und die Fahrgäste hin und her schüttelte. Hier musste der Mörder dem Mädchen die Gurgel durchgeschnitten und ihre Leiche aus der Gondel geworfen haben. Als ich direkt vor dem Eingang der Folterkammer stehen blieb, sah ich mich keinem Geistermädchen gegenüber. Aber irgendetwas war da. Ich wusste es damals, und ich weiß es jetzt. Die Luft war kälter. Nicht kalt genug, dass ich meinen Atem hätte sehen können, aber eindeutig kälter. „Zeig dich“, flüsterte ich, und obwohl ich furchtbare Angst hatte, kam ich mir dabei auch ziemlich albern vor.

Nach den Semesterferien lässt sich Devin für ein Jahr im Park anstellen. Er beauftragt eine Freundin mit Nachforschungen zu dem Mordfall. Dabei stellt sich heraus, dass das Mädchen in der Geisterbahn wohl nur ein Opfer unter anderen war. Der Mörder war wahrscheinlich ein Schausteller, ja er könnte vielleicht sogar ein Joyland-Kollege gewesen sein. Außerdem verliebt sich Devin in die verschlossene, alleinerziehende Mutter eines an Muskelschwund leidenden Kindes. Dem todkranken Jungen erfüllt er einen Herzenswunsch, indem er ihn und seine Mutter nach Joyland einlädt, als der Park längst für den Winter geschlossen hat.
Es ist eine übersichtliche, auch räumlich eng umgrenzte Geschichte, die Stephen King da für seine Verhältnisse recht knapp auf 350 Seiten erzählt. Schließlich hatte er zuletzt mit „Der Anschlag“ und „Die Arena“ zwei monumentale Geschichten jenseits der 1000-Seiten-Marke vorgelegt. Beide Romane zeigten, dass King ein Meister der Was-wäre-wenn-Geschichte ist. „Joyland“ ist ganz anders gestrickt. Es ist ein Kriminalroman, vor allem aber eine Geschichte übers Erwachsenwerden. Der 21-jährige Devin wächst im Park so manches Mal über sich hinaus, rettet zwei Menschen das Leben, erfüllt einem Todgeweihten einen Wunsch und findet im harten Arbeitsalltag zu sich selbst. Die Kriminalgeschichte spielt da lange nur eine untergeordnete Rolle. Sie bildet, ebenso wie manch übernatürliches Phänomen – es geht um Wahrsagerei, um Gedankenübertragung und eben um Geister, die sich nur jenen zeigen, die bald sterben werden – ein Hintergrundrauschen. Beides schwimmt in der Geschichte mit und wird schließlich an die Oberfläche gespült.
Entsprechend überstürzt und B-Movie-mäßig schrill ist dann auch der Plot geraten. Das mag einerseits beabsichtigt sein, erschien das Buch im Original doch in einer kleinen Krimireihe, die ihre Cover im Stil der frühen Groschenhefte gestaltet. Aber es liegt sicher auch an der Art, wie Stephen King seine Geschichten entwickelt. In einem Interview mit einem amerikanischen Radiosender sagte King, er gehöre nunmal nicht zu jener Art Autoren, die sich zunächst einen Plot ausdenken. „Normalerweise nehme ich eine Situation und erzähle von da aus. Ich will nicht, dass die Leser das Gefühl haben, das sei eine vorgefertigte Geschichte. Ich möchte, dass sie sich natürlich anfühlt, als wäre sie aus sich selbst gewachsen. Ich habe Romane nie als etwas Gebautes gesehen. Ich tendiere eher dazu, sie als gefundene Geschichten zu sehen, so dass ich mich immer ein bisschen wie ein Archäologe fühle, der zerbrechliche Fossilien aus der Erde holt.“

Diese Art des Erzählens führt in Joyland allerdings zu mancher Länge. Und das meint nicht etwa langatmige Passagen, sondern Stellen, an denen man als Leser das Gefühl hat, der Autor wisse im Moment auch nicht so recht, wohin die Reise gehen soll. Kings Stärke – das hat er häufig gezeigt – ist das Erzeugen von Atmosphäre, ist das emotionale Erzählen und die Beschreibung von Alltag. Auch in „Joyland“ bohrt er sich tief in die Psyche und die Gefühlswelt seines Protagonisten. Viele Nebenfiguren bleiben derweil aber recht eindimensional. In dieser Geschichte ist alles etwas zu offensichtlich, zu platt geraten, als dass es überraschen könnte. Zumal King kein eleganter Schreiber ist. Seine Bilder, seine Vergleiche sind meist wenig originell, manche Beschreibung ist schlicht zum Gähnen, manches wiederholt sich.
„Joyland“ gehört ganz sicher nicht zu Kings Highlights, aber seine Freude kann man mit dem Buch durchaus haben. Denn man merkt dem Text in vielen Details zum Schaustellerleben an, wie viel Spaß es dem Autor gemacht hat, sich in das Jahrmarktsthema zu vertiefen und daraus mit leichter Hand einige schillernde Alltagsszenen zu entwickeln – das kann er einfach.
Und für alle, die mit so einer Jahrmarktsgeschichte partout nichts anzufangen wissen, heißt es: kurz warten. Bereits für September ist zumindest in den USA Kings nächster Roman „Doctor Sleep“ angekündigt – eine Fortsetzung zu seinem vor 38 Jahren erschienenen Roman „Shining“.

Stephen King: Joyland. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Heyne Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR 2

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