Arne Dahl: Bußestunde

 

knvmmdb-12.dllDa ist er also, der Abschlussband von Arne Dahls zehnteiliger Krimireihe um sein Team schwedischer Elitepolizisten. Die so genannte A-Gruppe kümmert sich um besonders knifflige Fälle. In den vorangegangenen Büchern ging es da etwa um Terrorismus oder Pädophilie, daneben aber immer auch um zwar kleinere, aber relevante gesellschaftliche Themen.

„Ich versuche, sehr aktuelle Kriminalromane zu schreiben, tief verankert in der Gegenwart. Ich versuche ganz einfach, am Ball zu bleiben„, sagte Arne Dahl, der eigentlich Jan Arnald heißt, in einem Interview. Und mit diesem Anspruch ist er gar nicht so weit von jenen entfernt, auf die man in Sachen „Schwedischer Kriminalroman“ so gerne Bezug nimmt: auf Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Sie veröffentlichten von 1965 bis 1975 ihre zehnbändige Reihe um ein Stockholmer Polizeiteam und übten in ihren Büchern scharfe Gesellschaftskritik.

In Arne Dahls im Original bereits 2007 erschienenem Roman „Bußestunde“ geht es nun um eine besonders gefährliche und gemeinschaftlich ausgelebte Form von Magersucht, aber auch um Mobbing unter Jugendlichen oder die Überwachungsgesellschaft. Seine Geschichte beginnt er mit einer eleganten Vorstellungsrunde: Auf einem virtuellen Flug über Stockholm zoomt er sich an seine übers Stadtgebiet verteilte A-Gruppe heran. Es ist Sonntagnachmittag.

Eine Stunde, in der alles stillsteht. Die Zeit häutet sich. Es ist eine sensible Stunde. Dinge, die in dieser Stunde geschehen, erscheinen in einem besonderen Licht. Nennen wir sie die Stunde des Umbruchs.

Lena Lindberg, eine Polizistin aus dem A-Team, stolpert in diesem Moment in einen Videoladen, der gerade überfallen wurde. Als eine der Kundinnen am nächsten Tag nicht zur Zeugenbefragung erscheint, geht Lindberg der Sache nach. Dabei kommt sie einem Mörder auf die Spur, der seine Opfer, darunter die verschwundene Zeugin, übers Internet mit einem scheinbar neuen Medikament zur Fettverbrennung anlockte. Und sie ist nicht die Einzige, die verschwunden ist. Einige im Stadtgebiet gefundene Tote gehen offensichtlich aufs Konto desselben Täters.

„Ich glaube, wir sind an einen echten Serienmörder geraten“, sagte Arto Söderstedt. „Einen von der richtig altmodischen, durch und durch kranken Sorte. Verfluchter Mist, das hat mir gerade jetzt noch gefehlt.“

Während Dahl, dessen Geschichten gerade auch fürs Fernsehen verfilmt werden, minutiös die verschlungenen Ermittlungen schildert, erzählt er in einem zweiten Strang von Paul Hjelm. Hjelm gehörte einmal zur A-Gruppe, bevor er zur Abteilung für interne Ermittlungen wechselte. Nun soll er einen verschwundenen Geheimdienstler aufspüren. Dabei hat Hjelm eigentlich genug um die Ohren. Seine Tochter ist schwer magersüchtig und entging nur knapp jenem Mörder, hinter dem seine Kollegen her sind. Aber Dahl ver-bindet die beiden Stränge noch auf einer weiteren Ebene. Denn der Geheimdienstler jagt einen Mann, der seine Finger international in vielen illegalen Geschäften hat und zudem einige Mitglieder der A-Gruppe im Visier zu haben scheint.
Gewohnt verschachtelt legt Dahl seine Geschichte an und flicht immer wieder Bezüge zu früheren Fällen mit ein. Dabei gibt er auch seinen Protagonisten, von denen jeder in einem anderen Band im Vordergrund stand, ganz unaufdringlich Tiefe. „Bußestunde“ ist ein intelligent gemachter Polizei-Thriller, verfrickelt, temporeich, spannend und in einem etwas leichteren Ton erzählt als viele Bücher zuvor. Da lässt Dahl auch mal einen seiner Polizisten laut über Krimis nachdenken:                                                                                    Arto Söderstedt hielt alle Krimiautoren für Idioten. Allein der Gedanke, sich etwas so Dubiosem zu widmen wie der Erfindung von Verbrechen, flößte ihm Ekel ein. Als gäbe es in der Realität nicht vollauf genug davon.

Freilich muss, wer Dahl liest, das Kleinteilige mögen und auch das glatt Inszenierte. Denn er verknüpft gern das scheinbar weit Auseinanderliegende und auch das weit Hergeholte miteinander. Mit dem vielschichtigen Roman „Bußestunde“ jedenfalls hat er seiner Krimiserie einen gelungenen Abschluss spendiert. Am Ende wird die A-Gruppe aufgelöst. Doch weil sich der Autor nur schwer von seinen Figuren trennen konnte, schrieb er einen noch nicht übersetzten elften Band. Und auch danach wollte Dahl seine Charaktere nicht aufgeben. Die meisten spielen nun auch in seiner neuen Serie um ein Team von Europol-Ermittlern eine zentrale Rolle.

Arne Dahl: Bußestunde. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Piper-Verlag, 462 Seiten, 19,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR 2

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