Giancarlo de Cataldo: Der König von Rom

knvmmdb-10.dllEr ist 25, trägt den Straßennamen Libanese und träumt davon, König von Rom zu werden. Was da zunächst so märchenhaft klingt, ist allerdings knallhartes Geschäft, ist Erpressung und Mord, ist Prostitution und Drogenhandel im großen Stil. König ist, wer all das in der Hand hat und stinkreich wird dabei. Es ist das Jahr 1976, in dem Libanese den Weg erkennt, auf dem er seine fixe Idee Wirklichkeit werden lassen kann. Aufgewachsen in einer Vorstadt Roms, sitzt der Kleinkriminelle Libanese wegen Waffenbesitzes im Gefängnis. Dort rettet er dem Neffen des Camorra-Bosses Pasquale ‚o Miracolo das Leben und der bietet ihm aus Dankbarkeit die Chance zum Aufstieg.

„Hast du 300 Mille, Libano?“, fragt da Don Pasquale.                                                    „Wäre ich dann hier?“                                                                                                               „Mit dreihundert Mille könntest du in ein großes Geschäft einsteigen.“                     „Wie groß?“                                                                                                                               „Ein Schiff voll Heroin. Wir arbeiten mit den Sizilianern und den Kalabresen zusammen.“                                                                                                                                „Tja, so viel Kohle habe ich nicht.“                                                                               „Schade.“                                                                                                                                  Genau das war der Punkt. Er hatte kein Geld. Er war ein kleiner Fisch, nicht der König von Rom. Es war zum Verzweifeln.

Aus dem Gefängnis entlassen, macht sich Libanese an die Arbeit, versucht, die 300 Millionen Lire zusammen zu kratzen mit kleinen Drogendeals, mit Poker, Pferdewetten und Diebstahl. Als all das nicht fruchtet, entführen er und seine Kumpels einen Baulöwen – eine dilettantische Aktion. Parallel zu alldem lernt Libanese die schöne Giada kennen. Sie stammt aus reichen Verhältnissen, ist eine glühende Anhängerin der kommunistischen Idee und zudem fasziniert von diesem echten Proletarier in ihrem Bett. Damals, sagt Giancarlo de Cataldo, „wollten Verbrecher, wie Libanese normale Bürger werden. Und die normalen Bürger liebäugelten damit, Verbrecher zu sein, oder zumindest, wie sie zu handeln“.

So analytisch, wie einfühlsam beschreibt Giancarlo de Cataldo, wie ein Kleinkrimineller langsam die Kontur eines Berufsverbrechers annimmt, noch auf der Suche ist, manchen Schritt macht, vor anderen, wie Mord, aber noch zurück schreckt. Es ist eine geradlinige, schlichte, aber facettenreiche Geschichte, die die Zeit gut einfängt und für sich genommen schlüssig ist. Dabei ist „Der König von Rom“ so etwas wie der Epilog zu de Cataldos großartigem, längst auch zu einem Film und einer Fernsehserie verarbeiteten Roman „Romanzo Criminale“. Darin erzählt er vom Aufstieg und Fall der Magliana-Bande – deren Kopf Libanese ist.

Die Geschichte hat aber noch eine viel interessantere Ebene. Denn Giancarlo de Cataldo ist im Hauptberuf nach wie vor Richter in Rom und leitete 1995 den Prozess gegen die echte Magliana-Bande. Am Ende verhängte er gegen 69 Angeklagte insgesamt 500 Jahre Gefängnis. Und hatte das Rohmaterial für einen Roman. 2002 erschien in Italien „Romanzo Criminale“. Darin erzählt de Cataldo mit der Geschichte dieser rücksichtslos aufstrebenden, römischen Junggangster auch gleich jene Italiens von 1977 bis 1992 mit – und führte sie in den folgenden Bänden „Schmutzige Hände“ und „Zeit der Wut“ eindrücklich fort. Die Magliana-Bande, sagte er in einem Interview,  hat die Art des Verbrechens von Grund auf verändert: Das Gangstertum hat dem organisierten Verbrechen Platz gemacht. Dynamik, Aggressivität, Modernität kennzeichnen die Wachstumszyklen nicht nur des gesellschaftlichen Fortschritts, sondern auch der dunklen Seite unserer Zeit“.

Diese Bande, deren Kopf Franco Giuseppucci – das Vorbild für die Figur Libanese – 1980 erschossen wurde, veränderte das Machtgefüge in Rom komplett. Sie nutzte die gesellschaftlich unruhigen und politisch instabilen Jahre der Kämpfe zwischen Rechten und Linken und schürte die Konflikte zwischen den Mafiaclans. Sehr schön und hilfreich ist, dass der Verlag dem Band eine Einordnung der historischen Ereignisse und eine kurze Zusammenfassung der nachfolgenden Romane durch den Literaturkritiker Tobias Gohlis mitgegeben hat, der den Autor in Rom traf. „Der König von Rom“ ist eine spannend zu lesende Ergänzung zu de Cataldos Romanzyklus, den er übrigens explizit als Hinweis auf die Fragilität unserer Demokratie verstanden wissen will.

Giancarlo de Cataldo: Der König von Rom. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio-Verlag 174 Seiten 19.90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR 2

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