Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

knvmmdb-2.dllEin Fluss, ein Floß, Jugendliche auf der Flucht. Da gilt freilich der erste Gedanke Mark Twains „Huckleberry Finn“, der hier durchaus eine Art Vorlage liefert. Allerdings spielt Joe R. Lansdales Geschichte rund 100 Jahre später, als die von Mark Twain, nämlich in den 1930er Jahren zu Zeiten der großen Depression, als auf den Börsencrash von 1929 eine schwere Wirtschaftskrise folgte. Während Huck Finn in Missouri an den Ufern des Mississippi unterwegs ist, spielt Lansdales Geschichte am Sabine-River in der Pampa von Osttexas und ist grundiert mit roher Gewalt.

Schlagartig verändert sich das Leben dreier Jugendlicher, als der Vater der 16-jährigen Erzählerin Sue Ellen beim Fischen im Sabine-River die mit einer alten Nähmaschine beschwerte Leiche ihrer Freundin May Linn findet. Sie war das hübscheste Mädchen der Gegend und träumte von einer Karriere in Hollywood. Als sie in einem Armengrab verscharrt wird, halten das ihre Freunde für deutlich zu wenig. Sie wollen sie ausgraben, die Leiche verbrennen und die Asche in Hollywood verstreuen.

Keiner von uns war in Osttexas glücklich. Wir wollten alle weg, aber irgendwie schienen wir festzustecken wie tiefverwurzelte Bäume.

Die Möglichkeit zur Flucht eröffnet ihnen schließlich das Tagebuch der Ermordeten. Auf einer Karte ist dort notiert, wo deren verschwundener Bruder das Geld aus einem Banküberfall versteckt hat. Die Jugendlichen finden es und machen sich zusammen mit Sue Ellens alkoholkranker Mutter auf einem Floß davon. Mit dabei ist der homosexuelle Terry und die schlagfertige Jinx, ein dunkelhäutiges Mädchen.

Jinx war genauso alt wie ich. Sie hatte Zöpfe, die ihr wie geflochtener Draht vom Kopf abstanden. Ihr Gesicht war niedlich, aber ihre Augen wirkten alt, wie bei einem Großmütterchen, das in ein Kind hineingestopft worden war. Sie trug ein Kleid aus einem blau eingefärbten Mehlsack, wobei die Schrift noch schwach durchschimmerte, und sie war barfuß.

Auf ihrer Flucht haben sie mit dem Fluss, dem Wetter und gegen den Hunger zu kämpfen. Außerdem sind ihnen eine ganze Reihe Verfolger auf der Spur. Denn Sue Ellens gewalttätiger Stiefvater hat Wind von dem Geld bekommen und will es ihnen zusammen mit einem korrupten Polizisten abjagen. Ihr Onkel hat gar den tief in den Wäldern lebenden, legendenumrankten Killer Skunk angeheuert, um sie zu finden.

Er ist ein großer Farbiger, erzählt Jinx da ihren Freunden. Eher rot als schwarz, mit verfilztem Haar; er trägt es wild, wie einen Busch. Es heißt, dass er einen ausgetrockneten Sperling drin hängen hat. Er hat dunkle Augen, die so tot und ausdruckslos sind wie ein Mantelknopf. Er ist ein eiskalter Killer. Er hackt seinen Opfern die Hände ab und nimmt sie als Beweis mit, dass er seinen Auftrag erledigt hat.

Der 1959 geborene Joe R. Lansdale ließ sich genremäßig noch nie festlegen. Er schreibt Horror, Krimi, Abenteuer- und Westerngeschichten, bei denen es stets ziemlich handfest zugeht. Das ist auch in „Dunkle Gewässer“ der Fall und nichts für schwache Gemüter. Vor allem aber erzählt der Vielschreiber Lansdale, der eben dort aufwuchs, wo „Dunkle Gewässer“ spielt, eine wunderbare Geschichte übers Erwachsenwerden. Denn im Mittelpunkt stehen die Jugendlichen. Es geht um Freundschaft, um Verlässlichkeit und Vertrauen, um das Finden eines eigenen Standpunkts, einer eigenen Persönlichkeit.
Die 16-jährige Sue Ellen ist stets mitten drin, erzählt sehr direkt und zupackend und schert sich nicht um Konventionen.

Ich ging zur Tür, klopfte einmal fest dagegen und trat wieder einen Schritt zurück. Die Tür ging auf und vor uns stand eine alte Frau, so dünn wie ein Besenstiel und so krumm wie ein Hufeisen. Sie trug ein langes ausgebleichtes blaues Baumwollkleid und eine schmutzige weiße Haube, die sie unter dem Kinn festgebunden hatte. Das Gesicht selbst war so dunkel wie altes Leder und hatte ungefähr so viel Charme wie ein festgestampftes Schlammloch.

Joe R. Lansdale trifft den unbeschwerten, jugendlichen Ton und hält ihn problemlos durch. Er erzählt mit viel Gespür für die Natur und das harte Leben. Sehr eindrücklich fängt er die Zeit ein, den offenen Rassismus, die Armut, die Verzweiflung und Ausweglosigkeit, die Brutalität, die manchem auch auf Kosten anderer das Überleben sichert. Ein echter Country Noir ist „Dunkle Gewässer“, eine wilde und stimmungsvolle Abenteuergeschichte über ein paar jugendliche Helden, prächtig ausgemalt mit Lansdales rauem Humor.

Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Tropen-Verlag, 320 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR 2

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