Lothar Müller Güldemeister: Uhlandgymnasium

knvmmdb-11.dllEinen realen Fall aus dem Tübingen der 1960er hat sich der in Berlin lebende Jurist und Autor Lothar Müller-Güldemeister in seinem Roman „Uhlandgymnasium“ vorgenommen. Damals machte in dem baden-württembergischen Unistädtchen die so genannte Rotbartbande mit Einbrüchen, Diebstählen und einem Banküberfall von sich reden. Der Skandal: Die Täter waren doch tatsächlich Gymnasiasten. Einige wurden zu Haftstrafen verurteilt. „Gerüchte, weitere Schüler seien von einer Anklage verschont geblieben, weil sie prominente Eltern hatten, wurde von der Staatsanwaltschaft „aufs Schärfste“ dementiert“, schreibt Müller-Güldemeister im Vorwort zu seinem Roman. Der 1947 geborene Autor war einige Zeit selbst Schüler im Tübinger Uhlandgymnasium, allerdings vier Klassen unter jenen, die damals im Fokus standen.

Er erzählt von zwei weit auseinander liegenden Tagen im Leben seines fiktiven Protagonisten Konstantin Raffay. Der entgeht Anfang der 60er Jahre bei einem nächtlichen Einbruch nur knapp einer Festnahme. Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Noch am selben Morgen hat er den ersten Sex seines Lebens – mit der Mutter seines besten Freundes Rotbart. Ihr verspricht er, Rotbart aus allem heraus zu halten. In einem Brief an die Polizei nimmt er alle Schuld für die begangenen Einbrüche und Diebstähle auf seine Kappe. Sein Plan: Er wird die Bank, die sie gemeinsam überfallen wollten, allein ausrauben und sich nach Süd-Amerika abzusetzen.

Daraus wurde nichts. Sein Abi machte er im Knast, studierte anschließend Jura und kam in einer Kanzlei in Berlin unter. Als Anwalt soll Raffay nun, 39 Jahre später, seinen Chef bei einem Prozess in Tübingen vertreten. Es geht um millionenschwere Erbstreitigkeiten an einer Firma. Raffay vermutet ein abgekartetes Spiel und lässt den Prozess platzen – was ihn den Job kostet. Mit überzogenem Bankkonto und ohne Bargeld steckt er in Tübingen fest, das er zeitlebens meiden wollte und bekommt die geballte Macht seiner Kumpane von damals zu spüren. Die wollen unbedingt verhindern, dass da einer die alten Geschichten aufrührt. Raffay recherchiert dennoch weiter und merkt dabei erst allmählich, wie tief er selbst in die aktuellen Ereignisse verstrickt ist.

Müller-Güldemeister hat den historischen Fall weiter gedacht und aus dem Stoff einen präzise inszenierten, feingliedrigen Kriminalroman gemacht, der in zwei aufeinander zulaufenden Erzählsträngen immer wieder die Frage aufwirft, wie weit die eigene Moral wohl reicht. Elegant verzahnt er die beiden Zeitebenen, wobei sein Plot zwar stimmig, allerdings, ebenso wie manches humorige Detail der Geschichte selbst, zu konstruiert wirkt. Zumal Müller-Güldemeister unter anderem vom Erwachsen-werden in den 60ern erzählt, von dem sich abzeichnenden, gesellschaftlichen Umbruch und von einer gymnasialen Pädagogik, die sich schwer tat mit neuen Ideen. Etwas überfrachtet wirkt der Roman deshalb, gut geschrieben ist er dennoch.

Lothar Müller-Güldemeister: Uhlandgymnasium. Klöpfer und Meyer, 324 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

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