Arne Dahl: Zorn

knvmmdb-7.dllDer schwedische Autor Arne Dahl mag es kompliziert. Ihm liegt das weit Hergeholte, das Verschachtelte. Seine Geschichten beginnt er gerne mit losen Fäden, denen man weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick zutraut, etwas miteinander zu tun zu haben. Das ist in „Zorn“, dem zweiten Band seiner neuen Reihe um ein Team von Europol-Ermittlern, nicht anders, ja, dieses Erzählprinzip wird hier sogar besonders offensiv zelebriert.

„Stellt euch vor, die Sache wäre so übel, dass drei von Sicherheitsbeamten umgebene hohe Tiere im Laufe von wenigen Tagen gestorben sind und keiner der Fälle in irgendeiner Weise in Verbindung mit den anderen steht. Ein Selbstmord, eine Bluttat in der Kneipe und das Opfer eines schlichtweg verrückten Serienmörders, alles völlig unabhängig voneinander. Absolut purer Zufall.“
„Das glaube ich nicht“, wandte Arto Söderstedt ein.
„Ich auch nicht“, pflichtete Hjelm ihm bei. „Manchmal ist der Zufall die unwahrscheinlichste Option.“

In der belgischen Stadt Charleroi hat sich eine Ikone der plastischen Chirurgie in seinem Haus erhängt. Er arbeitete, das stellt sich bald heraus, an einem geheimen EU-Projekt mit, bei dem es scheinbar darum ging, Terroristen auch nach einer chiroplastischen Operation wiederzuerkennen. Kurz darauf erschießt ein Mann in einer Stockholmer Kneipe einen albanischen Waffenhändler samt seiner Bodyguards. Und auf der italienischen Insel Capraia wird ein tschechischer Genetiker brutal ermordet. Er saß für die Linke im Europaparlament. All das sucht sich die Europol-Ermittlergruppe namens Opcop selbst zusammen, denn noch kann sie nicht unbedingt auf die Hilfe anderer Polizeieinheiten setzen.

„Wir sind streng geheim“, erklärte Kerstin Holm.
„Aha, also streng geheim“, wiederholte Viggo Norlander. “Aber das hier ist ein Fall für die Stockholmer Polizei. Und die arbeitet mit Interpol zusammen. Dass Europol eingeschaltet wird, könnte ich nachvollziehen, wenn es dort eine operative Gruppe gäbe. Aber die gibt es ja nicht.“
„Es gibt eine operative Testeinheit bei Europol“, erklärte Kerstin Holm. „Paul Hjelm leitet sie, und Arto Söderstedt gehört dazu. Jorge, Sara und ich, wir sind ebenfalls Mitglieder, allerdings hier in Schweden.“

Dahl-Lesern dürften die meisten Namen bekannt sein, waren sie doch bereits in seiner 11-bändigen, noch nicht vollständig ins Deutsche übersetzten Serie um eine Eliteeinheit der schwedischen Polizei mit dabei. Nun arbeiten sie für Europol in Den Haag, wo eine Art europäisches FBI aufgebaut werden soll. Europol wird ganz real und offiziell derzeit nur auf Anfrage der Mitgliedsstaaten tätig, sammelt Daten, vernetzt sie, gibt Ermittlungshinweise. „Aber wir haben keine Pistolen“, fasste eine echte Europol-Ermittlerin die Grenzen ihrer Arbeit zusammen. Dahls Opcop-Gruppe hingegen hat Pistolen, nutzt sie auch und kann zudem reichlich Datenmaterial nutzen. Mit dieser Idee greift Arne Dahl der Realität nur sacht vor, denn über eine solche operative Europol-Einheit wird seit langem diskutiert.
Opcop beginnt also zu ermitteln, doch wollen die Fälle partout nicht zueinander passen, was die Gruppe keinesfalls abschreckt, sondern eher anspornt. Erst als ein deutscher Journalist auf einer kroatischen Insel getötet wird, wiederholt sich ein Muster. Er wurde, wie auch der tschechischen EU-Politiker erstochen, anschließend wurde ihm ein Stück Fleisch aus dem Arm gerissen. Da erst ist sich die Opcop-Crew sicher, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun zu hat, und der, das stellt sich bald heraus, beförderte bereits seit Jahren rund um den Globus aufrechte Streiter für die kommunistische Idee ins Jenseits. Der Mörder, das kann man hier ohne Weiteres verraten, rächt sich an den Befürwortern eines politischen Systems, dem sein Großvater einst nur mit Glück lebend entkam. Denn er wurde 1933 unter Stalin zusammen mit Tausenden auf die Insel Nasino im sibirischen Fluss Ob deportiert. Weil es nichts zu essen gab – die Umstände sind historisch -, kam es zu mehreren Fällen von Kannibalismus. Der Großvater kam zwar lebend, aber mit nur einem Arm davon. Die Opcop-Gruppe stellt als erste die Verbindung zwischen den weltweit begangenen Morden her. Und schließlich gerät gar einer aus der Opcop-Gruppe ins Visier des Killers. Das alte Spiel also: Superbulle gegen Superschurke. Die Jagd endet in Sibirien.

Söderstedt – ein schwedischer Polizist aus der Opcop-Gruppe – sprang aus dem Schlauchboot und atmete erleichtert aus. Dann zog er es zwischen den Pappeln ans Ufer hoch. Er legte das Paddel ins Boot und zückte seine Waffe. Die Sonne war nach der wilden Überfahrt fast am Horizont versunken, weshalb eine außergewöhnliche Atmosphäre über Nasino lag. Auf dieser Insel waren unaussprechliche Gräueltaten verübt worden. Es schien, als wirkte die Schwerkraft an diesem Ort besonders stark. Söderstedt kauerte sich hinter einen Hügel und sah sich um. Mit jeder Minute wurde es dunkler. Um sich herum konnte er nur noch Konturen erkennen.
„Lassen sie die Waffe fallen“, erklang plötzlich eine Stimme hinter seinem Rücken.
Er senkte die Pistole, so dass der Lauf nach unten zeigte. Geradewegs in das dunkle Herz von Nasino.

Das ist auf Seite 300. Und erst hier zeigt sich, wie verwegen der 1963 geborene Arne Dahl, der im richtigen Leben Jan Arnald heißt, seine Kriminalromane konzipiert, die sich allein in Deutschland bisher rund 1,5 Millionen Mal verkauften. Denn langsam wird klar, dass die Jagd nach dem einen Killer nur das Vorspiel für eine zweite, viel wichtigere Ermittlung ist. Die Toten, die zuvor partout nicht in das Muster passen wollten, stammten wohl von einem weiteren Mörder. Rätsel gab den Ermittlern vor allem das auf der italienischen Insel Capraia gefundene Opfer auf, das erstochen wurde und einen Giftcocktail injiziert bekam. Gingen die Polizisten bisher von einem Täter aus, wird allmählich klar, dass er wohl von Zweien gleichzeitig gemeuchelt wurde.

Jutta Beyer räusperte sich dezent. Die Blicke wandten sich in ihre Richtung. „Ist denn die Vorstellung so abwegig, dass Capraia schlicht und einfach ein Kreuzungspunkt war?“, fragte sie nachdrücklich. „Der Punkt, an dem zwei Mordserien unerwartet aufeinandertreffen?“

Dieser zweite Killer hat es auf hochrangige Wissenschaftler, Genetiker, Hirnforscher abgesehen, die offenbar gemeinsam an einem, zu Zeiten des kalten Krieges begonnenen, geheimen NATO-Programm mitarbeiteten. Ziel war die Erschaffung einer perfekten, militärischen Leitfigur im Reagenzglas.
Starker Tobak, aber darunter macht es Dahl auch kaum. Seine Themen sind immer existentiell, gesellschaftlich relevant und knüpfen stets an eine Realität an, die er ein kleines Stück weiter denkt – und sie auch kritisch hinterfragt. In seinem neuen Roman „Zorn“ klingt das bei den Ermittlern so:

Die perfekte Leitfigur war also ein schöner junger Mann ohne Empathiefähigkeit. In gewisser Weise kam Hjelm das ziemlich bekannt vor. Wurden nicht bereits große Bereiche weltweit von genau diesem Typ Mensch gesteuert? Den man etwas drastischer auch als Psychopathen bezeichnen konnte. Brauchte die Welt wirklich noch mehr Psychopathen?

Weil sein Erzähler stets nah bei den Ermittlern ist, fällt die Betrachtung von deren Arbeit naturgemäß nicht ganz so kritisch aus. Aber dass die potentielle Machtfülle, mit der da über Grenzen hinweg agiert wird, tendenziell auch problematisch sein könnte, wird zumindest erahnbar.
Als Thriller funktioniert „Zorn“ einigermaßen gut. Er ist rasant, spannend, wendungsreich, arbeitet mit einem recht großen Figurenpark. Und Dahl weiß, dass seine Leser eine Geschichte von ihm erwarten, die ziemlich unglaubwürdig klingt, im Kern aber durchaus real sein könnte. Das allerdings klappte in „Gier“, dem ersten Band der Reihe, deutlich besser als in der Neuerscheinung “Zorn“. Die Geschichte ist vom Ende her betrachtet ein kühnes Konstrukt, das man mit viel gutem Willen sogar als ironischen Kommentar zur Serienkiller-Romanschwemme lesen könnte. Aber sie enthält dennoch zu viel Hirnakrobatik, ist zu konstruiert, zu weit hergeholt, um auch nur im Ansatz überzeugend zu wirken. Die Gründe, warum und wie da einer mordend durch die Welt zieht, sind so hanebüchen, wie die schiere Masse der literarischen Mordbuben selbst. Denen hätte Dahl nun nicht wirklich zwei weitere hinzufügen müssen.

Arne Dahl: Zorn. Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg. Piper-Verlag, 496 Seiten, 16,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR 2

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