Sara Gran: Das Ende der Welt

knvmmdb-6.dllSie nennt sich selbst die beste Detektivin der Welt. Denn Claire de Witt arbeitet auf ungewöhnliche Weise – und löst am Ende alle ihre Fälle. Für sie gehören Träume, Visionen im bewusstseinser-weiterten Zustand und Ahnungen mit zur Ermittlungsarbeit. So hat es der berühmte Detektiv, ihr Vorbild Jacques Silettes gelehrt.

Normalerweise bekam ein Silettianer ein Problem erst in die Finger, wenn sich zehn andere Detektive die Zähne daran ausgebissen hatten, wenn der Klient so verzweifelt war wie eine Krebskranke, die von der Schulmedizin aufgegeben worden war und eine Kräuterklinik in Tijuana aufsuchte.

Silette hinterließ ein von seinen Jüngern verehrtes Büchlein mit rätselhaften Aphorismen, eine Art spiritueller Führer für die Niederungen alltäglicher Detektivarbeit. Da heißt es etwa: Ein Hinweis ist ein Wort in einer fremden Sprache, und Rätsel sprechen die Sprache der Träume. Rätsel sprechen die alchimistische Sprache der Vögel. Es gibt kein Wörterbuch.

Claire de Witt jedenfalls helfen Silettes Weisheiten auch in „Das Ende der Welt“ weiter, dem zweiten Band einer Reihe um die Detektivin. In San Francisco ist Claires Ex-Freund Paul in seinem Haus ermordet worden. Sie ermittelt parallel zur Polizei, doch gibt es kaum Spuren und noch weniger Motive. Dem Musiker wurden einige Gitarren geklaut, aber längst nicht die Wertvollsten und Claire vermutet, dass der Raub nur das eigentliche Motiv verschleiern . Über Wochen tastet sie sich an die Wahrheit heran und lässt dabei mehr und mehr Federn. Denn je tiefer sie sich in den Fall gräbt, je ernster sie ihre Träume nimmt, umso mehr wird sie mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten und Erinnerungen konfrontiert. Die drängt sie mit stetig steigendem Kokainkonsum beiseite.

Irgendwas ging mir durch den Kopf. Es drang fast bis in mein Bewusstsein vor und sank dann wieder in die Tiefe, verschwand in einem Strudel aus Einkaufslisten und halb gelesenen Büchern und Missverständnissen auf dem traurigen, kleinen Friedhof, auf den sich Gedanken zum Sterben verkriechen. Ich griff in meine Tasche und zog das leere Kokstütchen heraus. Ich leckte es aus.

Die hartnäckigste Erinnerung, die Gran als zweiten Erzählfaden in die Geschichte eingeflochten hat, ist die der 16-jährigen Claire im New York von 1986. Dort suchten ihre später spurlos verschwundene Freundin Tracy und sie im Dickicht von Musik- und Drogenszene nach einer vermissten Bekannten – eine Art Initiationsritus für die künftigen Detektivinnen und ein Fall mit deutlichen Parallelen zum aktuellen Geschehen.  Die 1971 geborene Sara Gran hat mit Claire de Witt eine hoch interessante Figur geschaffen, mit der sie etliche Erwartungshaltungen an Kriminalliteratur lustvoll untergräbt. Tempo, Spannung, Action, Plot – das alles gibt es bei Gran durchaus, aber sehr gedämpft, eingebunden in eine mäandernde Erzählweise. Die Figur der Detektivin funktioniert, obwohl sie auf den ersten Blick allzu konstruiert wirkt. Gran fängt das gut auf, hat einen, an den Nickligkeiten des Alltags gestählten Humor, gibt ihre Figur aber nie der Lächerlichkeit preis. Das gilt auch für ihre Geschichten, denen sie stets eine düstere, unabwägbare, existentielle Ebene einzieht.

Auch im aktuellen Fall stößt Claire je näher sie der Wahrheit kommt, körperlich, wie emotional an ihre Grenzen. Allerdings fällt „Das Ende der Welt“ gegenüber dem grandiosen ersten Teil der Reihe „Die Stadt der Toten“ deutlich ab. Der spielte im vom Sturm Katrina zerstörten New Orleans. Schauplatz und verschachtelte Krimihandlung, samt fein ausgearbeiteter Charaktere verschmolzen zu einer packenden Geschichte. Auch im aktuellen Roman finden sich gelungene Szenen, irrwitzige Einfälle und wunderbare Sprachbilder. Da ist etwa ihre Jugendfreundin Tracy, eine begabte Detektivin, die irgendwann selbst zu einem Rätsel wurde, indem sie spurlos verschwand und nichts hinterließ, als ein tracyförmiges Loch in der Welt.                                                                   Und ein Experte für Casinochips vertieft sich tranceartig in ein am Tatort gefundenes Plastikteil und sagt schließlich: „Downtown Oakland. 5. März 2010, Blackjack. Ein verlorenes Spiel.“                                                                                                                      Dennoch fehlt Sara Grans aktuellem Roman die Komplexität des Vorgängerbandes. Die Geschichte fängt gut an, wird dann aber dünn, absehbar und hat deutliche Längen. Bleibt zu hoffen, dass Sara Gran ihrer mit so viel erzählerischem Potential ausgestatteten Figur bald ein kompakteres Abenteuer gönnt – das Ende dieses Bandes jedenfalls ist vielversprechend.

Sara Gran: Das Ende der Welt. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Droemer-Verlag,  377 Seiten, 14.99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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