Pete Dexter: Paperboy

knvmmdb-1.dllFast zwanzig Jahre hat dieser Roman auf dem Buckel. Aber er kommt so frisch und zeitlos daher, dass man sich keinen Moment fragt, wann dieser Pete Dexter ihn denn geschrieben haben könnte. Die Geschichte von „Paperboy“, die 2012 von Lee Daniels verfilmt wurde, spielt in den sechziger Jahren im Norden Floridas.

An einer Landstraße war ein Mann namens Thurmond Call ermordet worden, der in Ausübung seines Amtes eine selbst für die Verhältnisse von Moat County unangemessen hohe Anzahl von Schwarzen umgebracht hatte.

16, um genau zu sein. Außerdem hatte der Sheriff als Nummer 17 einen Weißen auf dem Gewissen, der zur weit verzweigten Familie der van Wetters gehörte, die in den Sümpfen lebt und sich mit illegaler Alligatorenjagd und kleineren Delikten über Wasser hält. Einer aus dieser Sippe wird des Mordes am Sheriff angeklagt und zum Tod verurteilt. Vier Jahre später recherchieren zwei Starreporter der Miami Times den Fall nochmals nach. Das Material dazu liefert ihnen Charlotte Bless, eine Frau mit einer Schwäche für zum Tode verurteilte Mörder.

Sie trug Jeans und ein Holzfällerhemd, das sie sich in den eng geschnallten Gürtel gestopft hatte, und kaum war sie ausgestiegen, zog sie das Hemd über Bauch und Busen straff und warf ihren Kopf in den Nacken, so dass ihr das Haar gerade über den Rücken fiel. Charlotte Bless‘ langfristiges Ziel war es, die Ehefrau von Hillary van Wetter zu werden. So stellte sie sich jedenfalls das Ergebnis ihrer Bemühungen vor.

Die beiden Reporter Ward James und Yardley Acheman überprüfen Alibis, machen Zeugen ausfindig und es scheint, als könnte der noch immer im Knast sitzende Hillary van Wetter tatsächlich unschuldig sein. Kurz vor Ende der Recherchen wird Ward James nach einem Saufgelage von zwei Matrosen zusammen geschlagen. Während er schwer verletzt im Krankenhaus liegt, schreibt sein Kompagnon den Artikel und veröffentlicht ihn. Daraufhin kommt Hillary aus dem Gefängnis frei. Für ihre Geschichte bekommen die Reporter den Pulitzer-Preis. Doch Ward James kommt nicht von dem Fall los, weil er ahnt, dass er und sein Partner einem Mörder zur Freiheit verhalfen. Erzählt wird das alles im Rückblick von Ward James kleinem Bruder Jack, der als damals 19-jähriger die beiden Journalisten als Fahrer begleitete. Er ist nah dran an den Ereignissen, aber nie mitten drin.
Im Grunde ist es eine recht absehbare Geschichte. Der 1943 in Michigan geborene Pete Dexter lässt seine Figuren ins Verderben rennen und zwar jede auf ihre Art. Charlotte bekommt ihren Mörder zum Mann, der Journalist Ward James verkraftet nicht, dass sein egozentrischer Partner den wichtigsten Entlastungszeugen erfunden hat. Und der Partner merkt zu spät, dass er allein nicht halb so gut und der Ruhm ein gefährlicher Begleiter ist. Spannend bleibt die Geschichte, weil sie noch etwas verschachtelter und komplexer ist, Dexter Atmosphäre in nüchtern-präziser Prosa einfängt und zudem ein perfektes Gespür hat, was das Verhältnis von Nähe und Distanz zu seinen authentisch gezeichneten Figuren angeht.
Pete Dexter arbeitete selbst jahrelang als Journalist, bis er wegen einer Kolumne krankenhausreif geprügelt wurde. Er zog in eine andere Ecke der USA und schreibt seither Romane und Drehbücher. Diese existentielle Erfahrung taucht als Motiv in seinen Büchern immer wieder auf, auch in „Paperboy“. Und noch eine biographische Reminiszenz findet sich dort. Als Ward im Krankenhaus operiert wird, wirkt die Narkose nicht. Dexter kennt auch das.

„Konntest du dich nicht bewegen“, fragt da Jack seinen Bruder Ward im Krankenhaus.
Er schüttelte den Kopf und hielt seine Augen geschlossen. „Ich wollte einen Finger rühren“, sagte er, „ihnen ein Signal geben, dass ich noch immer bei Bewusstsein war, aber ich war wie gelähmt.“
Und dann öffnete er sein Auge, und ich sah, dass die Ärzte ihm etwas angetan hatten, was den Matrosen nicht gelungen war. Er sprach kein Wort mehr von dem, was im Operationssaal geschehen war, wenigstens nicht zu mir, aber die Schatten dieses Tages blieben für immer. Man hatte ihm Angst eingejagt, und war dies einmal geschehen, wird man nie wieder derselbe.

„Paperboy“ ist eine packende und eindringliche Geschichte über das Zeitungsgeschäft, über den Ethos und die Bürde von engagiertem Journalismus. Es ist eine Geschichte über scheiternde Lebensentwürfe und so ganz nebenbei über das Erwachsenwerden eines jugendlichen Erzählers. Man kann es gar nicht oft genug sagen: Dieser Pete Dexter ist ein begnadeter Autor. Und „Paperboy“ ein fein ausbalanciertes, mit schwarzem Humor gesättigtes, lebenskluges Stück Literatur.

Pete Dexter: Paperboy. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Liebeskind-Verlag, 319 Seiten, 19,80 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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