Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte

knvmmdb.dllKeigo Higashino ist in seiner Heimat Japan ein Bestseller-Autor. Für seine bisher neun Kriminalromane bekam er etliche Auszeichnungen. Viele seiner Geschichten wurden verfilmt. Sein jetzt auf Deutsch erschienener Roman „Verdächtige Geliebte“, der im Original treffender etwa „Die Hingabe des Verdächtigen X“ heißt, verkaufte sich dort allein im Erscheinungsjahr 2005 über 800 000 Mal. Kaum zu glauben, mag da mancher zunächst denken, denn der Roman des heute 54-jährigen beginnt so dröge, dass man jeden, der über die erste Seite hinauskommt, schon fast mit Handschlag beglückwünschen möchte.

Wie jeden Morgen verließ Ishigami um 7 Uhr 35 das Haus. Ging man etwa 20 Meter nach Süden, gelangte man an die breite Shin-Ohashi-Straße. Links von dort, das heißt in östlicher Richtung, lag der Bezirk Edogawa. Wandte man sich nach Westen, kam man in Nihonbashi heraus. Um auf dem kürzesten Weg zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen, musste Ishigami nach Süden gehen, wo er nach wenigen hundert Metern auf den Seicho-Garten stieß.

Bald aber wird klar, dass diese penible Beschreibung Teil von Higashinos literarischer Versuchsanordnung ist, denn die Orte spielen später durchaus noch eine Rolle.
Im Zentrum der Geschichte steht der brillante Mathematiker Ishigami, den eigentlich nichts interessiert, außer Mathematik. Das Unterrichten an einer Oberschule in Tokyo ist ihm eher lästig. Einzig seine schöne Nachbarin Yasuko vermag etwas Farbe in sein Leben zu bringen. Doch seine Verehrung ist schüchtern und still. Er beginnt, sein Mittagessen in jenem Imbiss zu kaufen, in dem sie arbeitet. Mehr traut er sich nicht und schätzt damit die Situation realistisch ein. Denn für sie ist Ishigami

wie ein feiner Riss in der Wand. Sie wusste, dass er existierte, achtete aber nie besonders auf ihn. Yasuko hoffte nicht, dass er sie um ein Rendezvous bitten würde. Der Gedanke entlockte ihr ein bitteres Lächeln. Erfolglos versuchte sie, sich das biedere Gesicht des Mannes vorzustellen, wenn er sie fragte.

Gelegenheit, etwas für die Angebetete zu tun, bekommt Ishigami, als er in ihrer Wohnung Kampfgeräusche hört. Tatsächlich wird Yasuko, die dort mit ihrer Tochter lebt, von ihrem Ex-Mann belästigt. Nach einem Streit stürzt der sich auf die Tochter. Yasuko erwürgt ihn daraufhin mit einem Kabel. Ishigami bietet seine Hilfe bei der Vertuschung der Tat an. Zwei Tage später wird die Leiche eines Mannes mit zerschlagenem Gesicht und verbrannten Fingerkuppen gefunden. Rasch identifiziert die Polizei ihn als den Exmann der Frau und sucht nach dem Täter.
Das alles spielt sich auf den ersten fünfzig Seiten des Romans ab. Die restlichen 270 Seiten geht es darum, wie fintenreich das Alibi doch ist, das Ishigami seiner Nachbarin und dessen Tochter gebastelt hat.
Der Polizist Kusanagi ist trotz des Alibis nicht ganz von ihrer Unschuld überzeugt. Er bittet seinen Freund Yukawa um Hilfe, einen Physikprofessor, der den Mathematiker Ishigami noch aus Studienzeiten kennt. Der Physiker spürt einigen Ungereimtheiten nach und begreift den Fall allmählich als mathematisches Rätsel, als Verschleierung einer Tat nach den Gesetzen der Logik.

„Kusanagi und seine Kollegen“, sagt der Physikprofessor, „glauben, ihre Aufgabe bestünde darin, ein Alibi zu knacken. Sie wollen also den Schwachpunkt finden und dort ansetzen. Sie folgen hartnäckig einer Spur und liegen die ganze Zeit völlig daneben. Die Ermittler werden durch eine List getäuscht. Jede Spur, die sie entdecken, ist in Wirklichkeit keine. Sooft sie glauben, einen Hinweis zu haben, führen die Täter sie in die Irre.

Der studierte Ingenieur Keigo Higashino inszeniert seine Geschichte distanziert und spröde, dem sich rational gebenden Wettstreit seiner zwei Superhirne angepasst. Der Autor konzentriert sich ganz auf das Rätsel, das Ishigami da entworfen und das Yukawa aufzulösen bemüht ist. Darüber geraten ihm die Figuren reichlich eindimensional. Der Plot ist dafür umso verschachtelter. Als Leser scheint man zwar zunächst eingeweiht, merkt aber schnell, dass man allenfalls so schlau ist, wie die Ermittler und damit mitten im Labyrinth steht. Dabei interessiert in Higashinos Roman nicht allein die Frage: Wie hat er’s gemacht? Viel spannender ist es, zu erfahren, wie weit Ishigami zu gehen bereit ist, wie viel Moral er über Bord wirft und wie unplanbar die Realität dann doch ist. Logik hin oder her.

Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Klett-Cotta, 320 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

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